20 April 2018

Die Römer und die Tuffbergwerke

Heute nachmittag stellte meine liebe Kollegin, Dr. Ricarda Giljohann, die Buchveröffentlichung ihrer Doktorarbeit vor. Im Vulkanpark-Infozentrum Rauschermühle erlebten wir eine kurzweilige Veranstaltung vor zahlreich erschienenem Publikum. Neben Fachpublikum waren zahlreiche Verantwortliche aus den Kommunen der Region erschienen, aber auch einige interessierte Bürger wie wir.
Die Vorredner hielten sich meist kurz, und Frau Doktor stellte auf charmante Weise sowohl vor, auf welchen Wegen sie zu diesem Thema gelangt ist als auch um was es in dem Werk geht. Es trägt den Titel "Die römische Besiedlung im Umland der antiken Tuffbergwerke am Laacher See-Vulkan" und zeigt auf, wie sich das Leben der Menschen in der Vulkaneifel vor 2000 Jahren durch die römische Urbanisierungspolitik verändert hat.
Im Anschluss war die Kollegin von den Fachleuten sehr in Beschlag genommen. Daher hoffe ich, dass sie mein Exemplar demnächst noch persönlich signiert.
Das regionale Nachrichtenportal localbook hat sich in dieser Woche bereits näher mit dem Buch befasst.

24 März 2018

Kapitel: Auszug ins eigene Leben

Ein weiteres Kapitel aus dem Leben des Mike Neuhaus:

Eigentlich war es ein Frühjahr wie jedes andere, mit zu oft Grau und zu selten Blau im Himmel. Für Mike fühlte es sich an wie die letzten zweiundzwanzig Frühjahre, jedenfalls wie die, an die er sich erinnern konnte.
Er hoffte, dass sich die gut anderthalb Jahre Durchquälen durch die Lehrzeit irgendwie auszahlen würden. Gehofft hatte er schon oft im Leben. Immerhin, er hatte einen „Gesellenbrief“, der mit den Noten 3 und 4 zwar mehr schlecht als recht ausfiel, aber im Grunde wusste er nicht mal genau, wie er diese komische Prüfung vor der Handwerkskammer geschafft hatte. Ahnung hatte er keine von dem, was er im Beruf machen sollte. Wie auch, er hatte die Lehrzeit zur Hälfte damit verbracht, seinen Chef durch die Gegend zu fahren, weil der mal wieder seinen Lappen in der Reinigung hatte. In der zweiten Hälfte hatte er sich bei dessen Kompagnon am Bau als Praktikant verdingt, also neun Monate lang dafür gesorgt, dass die drei Maurer immer mit Steinen und Mörtel versorgt waren. Wie er Baupläne zeichnen oder gar statische Berechnungen durchführen sollte, hatte ihm niemand erklärt. Zum Glück wurde in der Prüfung einiges an Stoff abgefragt, von dem er in der Berufsschule wenigstens mal gehört hatte. Den Rest hatte er sich irgendwie zusammen gereimt, für die Prüfung hatte es jedenfalls gereicht.

Durch das halbwegs vernünftige Praktikantengehalt der letzten Monate am Bau war Mike auch ein wenig verwöhnt. Er konnte sich einige Kneipenabende mehr leisten, an denen er nicht drauf angewiesen war, sich mit gewonnenen Bierlachsen durch die Nacht zu tanken.
Nun, nach der bestandenen Prüfung, hatte ihm seine fürsorgliche Mutter eine Stellenanzeige ausgeschnitten und ihn dazu gedrängt, sich in einem Büro für Baugutachten zu bewerben. Der Inhaber, ein Ingenieur mittleren Alters, war sehr nett. Und er wollte Mike, auch dank der Fürsprache seiner Mutter, echt eine Chance geben. Das könnte ja wirklich eine Möglichkeit sein, sich den Lebensunterhalt selbst mit einem normalen Job zu finanzieren. Goldene Zeiten schienen in Sicht zu sein.
Anfangs lief es ziemlich gut. Der Laden war eine One-Man-Band. Tagsüber war der Inhaber auf den Baustellen unterwegs, abends legte er Mike die Unterlagen mit allen Berechnungen und Texten auf den Tisch. Die beiden sahen sich immer nur kurz am Morgen, bevor der Gutachter raus fuhr. Das Büro war im Anbau des Wohnhauses untergebracht war, so musste Mike nur darauf achten, dass er nicht von der Ehefrau seines Chefs überrascht wurde, wenn er am Schreibtisch seinen Rausch ausschlief. Die Gespräche mit dem Chef, die er in den ersten Wochen führen musste, waren dem stets gleichen Strickmuster gefolgt. Der Alte hatte ihm erklärt, um was es ging, was seine Aufgabe daran ist, und ihn auch gefragt, ob er das verstanden habe. Mike hatte meistens genickt und sowas wie „Alles klar, Chef!“ gemurmelt. Tatsächlich verstand er kaum ein Wort von dem, was der ihm zu erklären versuchte.

Erst als der nette Mann nach sechs Wochen, die Mike tagsüber im Büro abgesessen hatte, auf fertige Ergebnisse seiner Arbeit drängte, wurde es eng. Es kam zu einer unangenehmen Aussprache am Freitag Nachmittag.
„Sie hatten doch jetzt sechs Wochen Zeit, die ersten Gutachten vorzubereiten. Wieso ist denn noch gar nichts fertig?“.
„Naja, es ist ja nicht ganz so einfach. Komplizierte Materie, das alles hier.“.
„Haben Sie denn noch Fragen dazu? Dann fragen Sie mich, jetzt!“.
„Ähmm ja, ich versteh das alles irgendwie nicht, sozusagen.“.
„WAS verstehen Sie nicht?“.
„Wie ich das hier machen soll, irgendwie.“.
„Ja, dann FRAGEN Sie mich doch. Jetzt!“.
„Ach Herrgott, ich weiß doch nicht mal, was ich fragen soll! Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, was ich hier machen soll!“.
„Aber ich hab's Ihnen doch erklärt. Und Sie haben immer gesagt, Sie hätten es verstanden!“.
Mike spürte, wie ihm Tränen die Wangen hinunter liefen. So eine gottverdammte Scheiße, er hatte es schon wieder vergeigt.
Er schluchzte: „Wenn ich Ihnen gesagt hätte, das ich kein Wort verstehe, hätten Sie mich doch direkt gefeuert! Was sollte ich denn machen?“.
„Ok, jetzt weinen Sie doch nicht. Wir überlegen mal zusammen, wie das weitergehen soll.“.
Am Ende ging es nicht weiter. Wenigstens wurde die Kündigung während der Probezeit so formuliert, dass er keine Sperre vom Arbeitsamt bekam. Das war mehr, als er erwartet hatte.

Das folgende Wochenende wurde ein rasantes Dreitage-Rennen durch die einheimische Kneipenlandschaft. Unangenehme Dinge zu verdrängen war eine von Mikes Superkräften, darin war er richtig gut, das lebte er jetzt aus. Nach drei Tagen Spiel, Spass und Spannung kam die Ernüchterung am Montag Morgen, als seine Mutter am Bett stand und das verhasste „Du musst aufstehen!“-Spiel mit ihm spielte.
Das begann um kurz nach sechs, als er seinen Wecker beim ersten Hölltenton ausgestellt hatte. Zwei Minuten später stand seine Mutter zum ersten Mal im Zimmer.
„Ich mach jetzt Kaffee. Du musst aufstehen!“.
„Ja klar, ich komme gleich!“ hatte anfangs noch ausgereicht, um seiner Mutter vorzutäuschen, er sei so was wie wach. Einige Sekunden später war Mike wieder in einen komatösen Tiefschlaf abgesackt. Doch das hatte sie mittlerweile längst durchschaut.
Die Abstände ihrer Weckrufe wurden immer kürzer, vor allem wurde ihre Stimme immer lauter, beim sechsten Versuch war es ein regelrechtes Brüllen geworden.
„RAUS! Du versoffener Hund, Du musst ARBEITEN gehen!“.
Dieser Ton und diese Lautstärke machten Mike zunehmend aggressiver. Er wollte doch nur schlafen, war das so schwer zu begreifen?
Er brüllte zurück: „LASS MICH IN RUHE, DU BLÖDE KUH!“.
Es folgte das Radiospiel. Seine Mutter kam ins Zimmer und schaltete Radio an. Südwest 3 war bei Mike eingestellt. Eigentlich sein Lieblingssender. Pop Shop. Aber nicht mitten in der Nacht mit einer Lautstärke, das der halbe Ort mithörte. Mike sprang aus dem Bett, riss den Stecker des Radios aus der Dose und verzog sich sofort wieder unter das warme Plumeau. Aber jetzt war er schon zu aufgeregt, um weiter zu pennen.
„WER ABENDS SAUFEN KANN, KANN AUCH MORGENS ARBEITEN!“ schallte es von der Zimmertür.
„KANN MAN GENAU NICHT! KAPIERST DU DAS NIE??“.
DAS war zu viel für seine Mutter. Ruckzuck stand sie vor seinem Bett und er bekam einen Schwung Wasser ins Gesicht. EISKALT.
Und DAS war zu viel für Mike. Er schoss aus dem Bett und bestand in diesem Moment nur noch aus purer Wut. Das kannte seine Mutter mittlerweile. Sobald sie den Schutt Wasser in Mikes Gesicht platziert hatte, verließ sie fluchtartig das Zimmer und knallte die Tür hinter sich mit einem lauten Krachen zu. Mike sprang auf, rannte ihr nach, trat mit Wucht gegen die Tür, spürte den stechenden Schmerz in seiner Zehe – und war endgültig wach.
Die Stimmung anschließend am Kaffeetisch war mit frostig sehr wohlwollend beschrieben. Selbst sein kleiner Bruder traute sich nicht, eine blöde Bemerkung zu machen, was er sonst immer machte. Er wusste, dass so was in Mikes Verfassung einen sofortigen körperlichen Verweis nach sich ziehen würde.

Plötzlich fiel Mike ein, was er drei Tage erfolgreich verdrängt hatte: Er musste gar nicht zur Arbeit! Er musste höchstens zum Arbeitsamt, und das hatte ja wohl Zeit. Aber in dieser Frühstücksrunde würde er das noch nicht zum Besten geben, damit wäre der nächste Ärger vorprogrammiert. Er verließ das Haus und tat so, als ginge er zum Bus, drehte aber draußen ab und machte einen langen Alkoholverdunstungsspaziergang durch die Felder und Gärten. Als er nach einer Stunde zurück kam, war seine Wut komplett verraucht. Er hatte sich zurecht gelegt, wie er die Kündigung seiner Mutter beibringen wollte. Er machte einen auf ehrlich und erzählte ihr alles. Sie würde sowieso beim Gutachter anrufen und die Wahrheit erfahren, daher war es zwecklos zu lügen.
Sie trug es erstaunlicherweise mit Fassung, als ob sie insgeheim mit so etwas gerechnet hätte.
Ein tiefer Seufzer war ihre einzige Reaktion. Mike atmete auf.

Die nächste Zeit wurde für ihn richtig ungemütlich. Seine Eltern setzten ihn immer mehr unter Druck, forderten ihn auf, sich endlich selbst um sein eigenes Leben zu kümmern. Mit dreiundzwanzig könne man das wohl erwarten. Außerdem solle er sich von vermeintlich falschen Freunden trennen, zum Friseur und in die Kirche gehen, und ähnlichen nervigen Mumpitz.
Um all dem aus dem Weg zu gehen, bewarb er sich als Aushilfe bei einem nahe gelegenen Pressevertrieb. Stef hatte ihm gesagt, dass sich dort schnell Kohle verdienen lässt. Zusammen bewarben sie sich und beide wurden genommen. Es war zwar ein Drecksjob, den ganzen Tag Pakete mit alten oder neuen Zeitschriften von A nach B zu schleppen, aber er bekam monatlich mit mehr als tausend Mark fast soviel Geld, wie er beim Gutachter verdient hatte.
Zwei Monatsgehälter später bot ihm ein Bekannter aus dem Dorf seinen uralten Kleinwagen supergünstig an. Lulu wollte seinen DAF mit sogenanntem Variomatic-Getriebe loswerden. Mike konnte das gute Angebot nicht ausschlagen, er wurde stolzer Autobesitzer. Kaum zu glauben, was sich für Mike alles änderte. Das hätte er sich vor einem halben Jahr nicht träumen lassen. Nun musste er sich nicht mehr bei Wind und Wetter die zwanzig Minuten Fußweg zur Arbeit und abends zurück quälen. Nein, er nahm sogar auf dem Heimweg die Mutter eines Klassenkameraden mit, eine nette Künstlerwitwe, die sich dort mit einem Halbtagsjob ihre schmales Einkommen aufbesserte.

Leider währte dies Komfortphase nur wenige Wochen. Eines Morgens, als Mike im Hof losfahren wollte, reagierte der DAF mit einem lauten Krach und verweigerte den Dienst. Irgendwas Schweres fiel unter dem Auto mit Getöse auf den Boden des Hofs. Lulu half ihm am nächsten Tag, die abgekrachte Kardanwelle komplett zu demontieren und einige vermeintlich defekte Teile ausfindig zu machen, die Mike sich gebraucht vom Schrottplatz besorgen sollte. Mike selbst verstand von der Funktionsweise von Autos und Motoren ungefähr genauso viel wie von der Arbeit eines Bauzeichners. Nichts. Und so stand der DAF von da an fröhlich in halb demontiertem Zustand im Hof und blockierte den Platz, an dem normalerweise der Anhänger seines Vaters stand. Der wurde für die elterliche Nebenerwerbslandwirtschaft alle 2 Tage beladen, um Salzgurken, Stangenbohnen und Zuckererbsen zum Markt zu kutschieren. Die Stimmung im Haus wurde nicht besser.

Das Verhältnis zu seinen Erzeugern hatte sich überhaupt im letzten Jahr zunehmend verschlechtert. Bedingt durch das Einkommen im Baupraktikum, beim Gutachter und nun beim Pressevertrieb hatten Mikes nächtliche Kneipenaufenthalte drastisch zugenommen. Und seine Eltern störten sich daran, dass es schon mal ein wenig lauter wurde, wenn er nachts singend oder fluchend alle Hausbewohner beim Versuch weckte, die Hasutür auf zu schließen und sein Zimmer im ersten Stock zu erreichen. Da verstanden sie keinen Spaß. Eines Tages beschlossen sie tatsächlich, ihm seinen Hausschlüssel abzunehmen, verbunden mit der Aufforderung, von nun an spätestens um zehn zu Hause zu sein. Das sich dadurch das Dilemma nur noch verschlimmerte, wollten sie nicht wahrhaben. In den Kneipen wurde es um zehn erst richtig gemütlich, daher kam dieser Teil der Abmachung für Mike eh nicht in Frage. Und so spielten sich hässliche Szenen ab, wenn er nachts um zwei in bedröhntem Zustand klingeln musste, um ins Haus zu kommen. Anfangs erntete er zwar große Donnerwetter, aber er war froh, überhaupt den Weg in sein Bett gefunden zu haben. Wenn er auf dem Heimweg aufgrund leichter Gleichgewichts- und Orientierungsschwächen falsch abgebogen war und im Gartenhäuschen des Bauern Krützel oder auf einer Bank am Rhein nächtigte, machten sich seine Eltern spätestens und drei Uhr auf den Weg und suchten ihn überall. Das war also auch falsch.
Nach einer Weile beschlossen die Oldies dann, das Klingeln zu ignorieren. Aber spätestens nach einer halben Stunde Dauerläuten gaben sie entnervt auf und ließen ihn ins Haus, nicht ohne Schimpf und Schande über ihn zu ergießen. Es gab erbitterte Diskussionen an den Tagen danach.
„Es ist eine Unverschämtheit, was du uns antust! Das machen wir nicht mehr mit!“.
„IHR habt mir doch den Schlüssel abgenommen! Und jetzt beschwert Ihr Euch!“.
Die nächste Stufe der elterlichen Unvernunft bestand darin, abends die Klingel abzustellen. Das zwang Mike dazu, solange mit Kieselsteinchen aus der Einfahrt gegen die Schlafzimmerfenster seiner Eltern und seines jüngeren Bruders zu werfen, bis man ihm entnervt öffnete. Und wieder musste er Schimpftiraden über sich ergehen lassen.
Das war so bescheuert. „WER hat mir den Haustürschlüssel abgenommen?“.

Eines Samstag morgens erwachte Mike nur mit einer Unterhose bekleidet in seinem Bett. Sein ganzes Bettzeug war blutverschmiert. Er rappelte sich mühsam und verkatert aus dem Bett und sah, dass er an Armen und Beinen überall blutende Wunden hatten. Heilige Scheiße, was war denn passiert?

Er hatte keinen blassen Schimmer, seine Erinnerung endete in seiner Stammkneipe „Zum Leinpfad“ in einer fröhlichen Skatrunde. Bierlachs hatten sie gespielt, wie gewöhnlich. Skat mit ausschließlicher Wertung der Minuspunkte, Zehntel wurde aufgeschrieben. Wer zuerst 51 Miese hatte, musste die nächste Runde latzen. Das ging mit Schuss und Re ganz schnell. Mike war ein guter  Skatspieler, nur selten verlor er eine Runde. Anfangs wurden Bierrunden bestellt, irgendwann hatte Mike fünf Pils vor sich stehen, er kam nicht mehr nach mit der vielen Brühe. Dann wurde umgestellt auf Sauren, Kümmerling oder Persico, der intern zum Perversico umgetauft wurde. Am gestrigen Abend erloschen Mikes Erinnerungslampen zu dem Zeitpunkt, als die Skatrunde endete, nachdem der dicke Kalli am Tisch eingeschlafen war. Mike war zur Theke gewackelt – und dann wurde es dunkel in seiner Rübe. Seine letzte Erinnerung war Gitte Haenning, die ihm aus der Rock-Ola-Musikbox den Ratschlag gab: „Freu Dich Bloß Nicht Zu Früh!“.

Er stürzte ins Bad und wusch sich die angetrockneten Blutspuren vom Körper. Als er sich danach in seinem Zimmer anziehen wollte, musste er feststellen, dass seine Klamotten nirgends zu finden waren. Nicht auf dem Fußboden verteilt, nicht auf den Sessel geworfen. Wahrscheinlich hatte seine Mutter die schon in die Wäsche gestopft. Oh mein Gott, dann hatte sie ja auch die Blutspuren gesehen, das gab Ärger! Er nahm sich seine Adidas-Trainingshose aus dem Kleiderschrank, zog ein altes T-Shirt über und schlüpfte in die Hausschlappen, denn auch seine Schuhe waren nirgends zu finden.
Auch wenn Mike mit seiner verkaterten Birne noch nicht klar denken konnte, war ihm schnell klar, dass diese Geschichte ungut ausgehen würde. Auf dem Weg nach unten kam ihm seine Mutter mit einem Korb sauberer Wäsche entgegen. Auf sein zaghaftes, fast devotes „Morgen, Mama!“ reagierte sie mit strengem Blick und ging wortlos an ihm vorbei.
„Mama, hast Du meine Sachen schon gewaschen? Ich muss da in eine Scherbel getreten sein, ähm, irgendwie, äähmm, gestern abend.“
Seine Mutter sagte, ohne stehen zu bleiben und ohne ihn eines Blickes zu würdigen: „Du bist wirklich das Allerletzte!“ und ging weiter.
Mike stöhnte und schlurfte zur Treppe. Nur ganz langsam bewegen war das Motto des Tages. Sein Kopf fühlte sich an wie eine Gasuhr, er drohte bei jedem harten Auftreten zu explodieren. Als er sich die Treppe hinunter geschlichen hatte, sah er die Bescherung: Der Glaseinsatz der Haustür war durch eine durchsichtige Plastikfolie ersetzt. Mikes Vater war gerade dabei, die Folie fest zu tackern. Auch der sah Mike nur wortlos an. Sein enttäuschter Blick durchbohrte Mike örmlich und traf ihn dort, wo es weh tut.
Mike musste raus hier, er holte sich seine Turnschuhe aus der Abstellkammer und verließ das Haus durch den Hinterausgang über den Garten. Er machte sich auf den Weg zum Ort seines letzten Erinnerns, zur Stammkneipe „Zum Leinpfad“. Die hatte kurz vor Mittag natürlich noch geschlossen, aber ihm stand auch nicht der Sinn nach Kneipe. Er versuchte sich lediglich zu erinnern, weil er rauskriegen musste, was passiert war. Dann würde er sich schon eine Geschichte ausdenken, die er denen daheim auftischen konnte. Und wirklich, als er vor der Kneipe stand, tauchten allmählich kleine Fetzen aus dem Dunkel des Vergessens auf. Er war auf dem nächtlichen Heimweg, wie immer, über den Dorfplatz gegangen und hatte von dort aus die Abkürzung am Tennisplatz vorbei durch die Wiesen genommen. Das war im Dunkeln zwar schwierig, weil man schon mal über Löcher im Boden oder hochstehende Baumwurzeln stolpern konnte, aber es sparte ihm viele Meter ein. Und jeder Meter, den man nicht schwankend und torkelnd bewältigen musste, war das Risiko wert.
Er ging den gleichen Weg wie in der letzten Nacht, über den Dorfplatz zu den Wiesen. Die Grashalme waren noch feucht von der Nacht, der Schatten der danebenliegenden Turnhalle hielt die Sonne bis mittags ab. Er konnte seine Spur der vergangenen Nacht tatsächlich im Gras nachverfolgen. Die niedergetretenen Grashalme hatten sich noch nicht ganz wieder aufgerichtet. Mitten in der großen Wiese sah er schon von weitem eine größere plattgewalzte Fläche im Gras. Ein Meter mal zwei Meter. Und daneben lagen seine Klamotten. Offensichtlich hatte er sich an dieser Stelle bereits zu Hause gewähnt, sich bis auf die Unterhose ausgezogen, und eine Weile im Gras geschlafen. Die Frühlingsnächte im April waren kalt, aber frostfrei, und im Zustand der letzten Nacht hätte er wahrscheinlich auch im Kühlhaus des Metzgers geschlafen. Auch seine Schuhe standen neben den Kleidern im Gras. Jetzt kam auch die nächste Erinnerung wieder. Er war irgendwann hier draußen wach geworden, weil er fror, und war schnurstracks nach Hause gelaufen, nur sein warmes Bett im Visier. Auf sein Klingeln zu Hause hatte niemand geöffnet. Kein Wunder, die Klingel war ja seit einer Weile abends abgestellt. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Das hatte ihn so in Rage gebracht, dass er das Glas der Haustür eingetreten hatte. Und das hatte mit nackten Füßen schweineweh getan. Das hatte ihn noch wütender gemacht. Dummerweise war die Haustür nicht mit einer glatten Scheibe bestückt, die zersplittert, wenn man rein tritt. Es war eine gelb getönte geriffelte Sicherheitsscheibe mit Einbruchsschutz. Mike hatte dessen Untauglichkeit dann mit brachialer Gewalt demonstriert und so oft in die Scheibe getreten und geschlagen, bis er durchsteigen konnte.

Oh mein Gott, was hatte er gemacht?! Die Erkenntnis drehte ihm den Magen um. Was war er für ein bescheuertes Arschloch! Die Keule aus Schuld und Scham traf ihn mit Wucht und brachte ihn zum Weinen. Reumütig raffte er seine Klamotten aus dem Gras und schlich durch die Gärten nach Hause. Zum Glück sah ihn niemand, als er sich durch die Hintertür wieder ins Haus schlich. Er schaffte es ungesehen bis in sein Zimmer, warf die Klamotten auf dem Stuhl und legte sich ins Bett. Er wollte nur noch schlafen, am besten den ewigen Schlaf.

Diese Geschichte brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Seine Mutter verkündete ihm am nächsten Tag:
„Jetzt ist Schluss, wir ertragen dich nicht mehr. Du ziehst aus!“.
„Jaja, mach ich. Wann muss ich draußen sein?“.
„Am 1.Juni stehen deine Koffer vor der Tür!“.
„Am 1.Juni bin ich weg. Worauf du einen lassen kannst. Ich ertrag das auch nicht mehr!“.
In diesem Moment fasste Mike einen dramatischen Beschluss. Diese Drohungen und Erniedrigungen würde er sich nicht mehr länger bieten lassen. Die Androhung mit dem Rauswurf hatte er in den letzten Jahren so oft gehört, er wusste, dass seine Eltern niemals Ernst machen würden damit. Ihn auf die Straße setzen? Never ever! Die hatten doch viel zu viel Angst, er würde untergehen oder nicht klar kommen oder was auch immer. Aber diesmal würde ER Ernst machen.
Das magische Datum 1.6. war nun fest in seinen Hirnwindungen eingebrannt. Er würde gehen! Das waren noch sechs Wochen bis dahin. Genügend Zeit, um alles vorzubereiten.
Er würde das durchziehen. Einmal in seinem Leben würde er etwas durchziehen.
Den kaputten DAF vertickte er für einen Fuffziger an einen der Schrotthändler vom Ortsrand, der freute sich über ein Ersatzteillager der seltenen Art.
Die nächsten Wochen waren gut zu ertragen, vor allem, nachdem der Schrotteler das Auto abgeholt hatte. Nach der Aussprache über seinen Auszug war der Dampf etwas raus, man ließ ihn weitestgehend in Ruhe, an den Auszugstermin dachten seine Eltern irgendwann nicht mehr. So war es immer mit deren Drohungen. Erst den Molly machen und nachher passiert gar nichts. Aber auch Mike verlor die Umsetzung seines Plans ein wenig aus den Augen. Samstags Wohnungsanzeigen in der Zeitung studieren, ja, das hätte er machen sollen. Da er an den Samstagen aber meist erst am späten Nachmittag seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schob sich das alles ein wenig nach hinten. Drei Tage vor dem 1.6. wurde ihm klar, dass es schwierig wird. Er würde Stoney fragen, das könnte passen.
Stoney war ein drahtiger kleiner Kerl, auf dessen Hilfe er sich immer verlassen konnte. Er war vor ein paar Jahren ins Dorf gezogen, weil er einen festen Job als Ingenieur in den der benachbarten Papierfabrik bekam. Er war Gewerkschaftler durch und durch, ging auch als Ingenieur mit der roten Fahne auf die Straße, um bessere Löhne zu erstreiken. Das imponierte Mike mächtig. Sie saßen ab und an zusammen in der Stammkneipe, Stoney brachte seine Gitarre mit und stimmte zu später Stunde Arbeiterlieder an, Hannes Wader und Joan Baez. Wow, das war mutig. Es brachte ihm böse Blicke und Naserümpfen ein, manchmal auch eine blöde Bemerkung, aber er zog das durch.
Mike erzählte Stoney mittwochs, dass seine Eltern ihn rausgeworfen hatten und er am Samstag das Haus verlassen müsse. Stoney bewohnte mit seiner Freundin eine 2ZKB-Wohnung direkt um die Ecke und bot ihm sofort Hilfe und Asyl an. Allerdings mit der klaren Ansage, dass das nur vorübergehend sei und Mike sich sofort um was Eigenes kümmern müsse. Klar doch.

Nun kam Mikes großer Auftritt. Am Samstag Nachmittag fuhr Stoney mit seinem großen alten Daimler in die Einfahrt. Mikes Mutter, die gerade im Vorgarten Unkraut hackte, begrüßte ihn freudig. Stoney hatte eine feste Arbeit, eine Freundin und eine Wohnung, außerdem nicht ganz so lange Haare, das waren enorme Pluspunkte auf der elterlichen Werteskala. Als Mike und Stoney dann mit den ersten beiden eilig gepackten Kartons die Treppe herunterkamen und diese ins Auto verluden, stand seine Mutter völlig konsterniert an der Haustür und bekam den Mund nicht mehr zu.
„Was macht IHR denn da?“.
„Packen und Ausziehen!“.
„Wieso das denn?“.
„1.6., schon vergessen?“.
„Aber das hab ich doch nicht so gemeint!“.
„Aber ICH!“.
„HA! Und wir auch!“.
Es war für Mike ein innerer Vorbeimarsch, endlich einmal Rache zu nehmen für die zahllosen Erniedrigungen der letzten Jahre. Seine Mutter stand mit Trotz und Tränen in den Augen im Treppenhaus und überwachte, dass er nur kein Teil zu viel mitnehme. Aber Mike brauchte nicht viel. Ein paar Klamotten, die Zahnbürste, den Elektrorasierer, die Musikkassetten, den Kassettenrekorder. Und ab ging die Post. Er war frei!
Als er seine wenigen Habseligkeiten neben Stoneys Couch auf dem Teppichboden gestapelt hatte, kam ihm bereits der Gedanke, dass dieser Freudentag ordentlich gefeiert werden sollte. Er lud Stoney und seine Freundin ein, den Abend mit ihm in der Kneipe zu verbringen. Er würde ein paar Runden springen lassen.
Stoney hieß eigentlich Karl-Heinz Behrens, aber alle nannten ihn nur Stoney, obwohl keiner mehr wusste, wie dieser Spitzname zustande gekommen war. Seine Freundin Katharina war etwas kleiner als Stoney, schmal und immer blass. Ihre pechschwarzen Haare verstärkten den blassen Eindruck noch mehr. Sie war Mike gegenüber ziemlich distanziert, sie war wohl nicht begeistert von Mikes Wohnzimmerasyl, Außerdem bestand sie drauf, immer Kate genannt zu werden, komisch. Die deutsche Kurzform Kathie hätte Mike ja noch verstanden, aber Kate, englisch ausgesprochen, was sollte das? Aber gut, solange sie ihn in Ruhe ließ, würde das funktionieren.
Abends auf dem Weg zur Kneipe fiel Mike ein, dass er nur noch knapp zwanzig Mark in der Tasche hatte. Für einen exzessiven Kneipenabend würde das nicht reichen, zumals er Stoney und Kate ja eingeladen hatte. Dieser Erste war war ein Samstag, die Volksbank hatte zu, an seinen Monatslohn würde er erst am Montag kommen. Kates Anwesenheit bedeutete gleichzeitig, dass Skat kloppen als Finanzierung des Bierabends auch nicht in Frage kam. Vielleicht konnte Stoney ihm etwas pumpen. Stoney konnte. Er verdiente als Ingenieur gut und bei ihm musste Mike sich auch nicht schämen, wenn er um Hilfe bat.
So begann das Leben in seinem neuen Übergangsdomizil mit einem gepflegten Kneipenabend, Mike hielt sich wegen Kates Anwesenheit auch ein wenig zurück.
Bei der Bestückung der Musikbox hatten Mike und seine Kumpels mittlerweile ein gewisses Mitspracherecht, sie durften Wunschlisten beim Wirt abgeben, welche dieser mit dem Musikbox-Lieferanten besprach. Daher kam es, dass sich neben dem unsäglichen Roland Kaiser und ähnlich gearteter Schlagermutanten auch Erocs Wolkenreise und Peter Gabriels Games Without Frontiers in die Musikbox verirrten. Stoney hatte an diesem Abend viel Interessantes zu erzählen. Er war nicht nur Gewerkschaftler, sondern auch richtig politisch engagiert. Etwas, das Mike bisher völlig abgegangen war. Stoney war SPD-Mann, erzählte aber auch von einer neuen grünen Partei, die sich Anfang des Jahres gegründet hatte. Protest gegen gefährliche Atomkraftwerke und gegen Kriege waren etwas, das auch Mike ansprach, trotz seines oft vernebelten Verstands. Protest, das war sein Ding.
Gegen halb zwölf machte sich Mike mit seinen neuen Herbergseltern auf den Heimweg. Stoney brachte ihm Bettzeug und einen Wecker ins Wohnzimmer, den hatte Mike zu Hause vergessen. Zu Hause? DAS war jetzt sein Zuhause. Mike brauchte eine ganze Weile, um einzuschlafen. Vieles ging ihm durch den Kopf, als er auf der ungewohnten Couch im Halbdunkel lag. Die Wohnung war im 2.Stock. Mit herunter gelassenen Rollladen ganz im Dunkeln zu liegen traute er sich nicht, das hätte ihm Angst gemacht. So genoss er den beruhigenden Lichtstreifen, den die Straßenlaterne von gegenüber an die Wohnzimmerdecke drückte.

Nach vier Wochen beschwerte sich Stoney zum ersten Mal bei Mike, weil er angeblich nachts das halbe Haus wecke, wenn er betrunken in die kleine Wohnung gefallen kam. Zwei weitere Wochen später eröffnete Stoney ihm, dass seine und Katys Geduld nun erschöpft seien und Mike sich umgehend nach einer anderen Lösung umsehen müsse. Dabei war er noch gar nicht dazu gekommen, eine Wohnung zu suchen, er musste sich ja erst einmal selbst an die neue Situation gewöhnen.

Noch bevor die Samstagszeitung mit den Vermietungen erschien, fiel ihm sein alter Kumpel Carlo ein. Der hatte doch eine eigene Wohnung im Nachbardorf. Natürlich, Carlo! Den wollte er eh mal wieder treffen, den hatte er lang nicht mehr gesehen. Seit er vor zwei Jahren ins Nachbardorf gezogen war, ließ er sich kaum noch sehen. Studium, Freundin, Job, ok. Aber man kann sich doch ab und zu mal in der Stammkneipe sehen lassen! Wie sich herausstellte, führte Carlo zusammen mit seiner Freundin ein recht solides Leben. Eigentlich ähnlich wie Stoney, nur ein Dorf weiter. Und auch Carlo gewährte ihm Asyl, vorübergehend! So konnte Mike innerhalb von zwei Tagen Stoneys Couch räumen. Von Carlos Wohnung aus war der Fußweg zur Arbeit sogar etwas kürzer. Das hörte sich gut an.

Carlo war schon ein wenig seltsam. Er war sehr scheu, wenn er jemanden noch nicht kannte, im Freundeskreis blühte er auf. Er sah nicht schlecht aus. Mittelgroß, hellblond, sportlich muskulös, da standen die Mädels drauf. Aber er hatte totale Komplexe wegen zwei Muttermalen auf dem Rücken, zog deshalb auch im Freibad niemals das T-Shirt aus, wenn er denn überhaupt mal mit ins Freibad ging. Mike dachte manchmal darüber nach, ob Carlos Freundin die Muttermale auch nie zu sehen bekam. Jedoch das fragte er ihn nicht. Bei dem Thema Muttermale wurde Carlo regelrecht aggressiv. Carlo war in Ordnung, das war die Hauptsache.
Bei Carlo wurde Mikes Leben etwas entspannter. Carlos Freundin studierte in Marburg und war nur an jedem zweiten Wochenende da. So hatten die beiden Kerle Zeit, um sich beispielsweise die LP dieser neuen Kölner Band anzuhören. BAP hießen die und sangen tatsächlich auf kölsch. Klasse! Verdamp lang her ließ sich gut mitgrölen.
Mike begann es gerade bei Carlo zu gefallen, als er auf der Arbeit von Stef angequatscht wurde. Der erzählte ihm, dass er auch daheim raus wolle und fragte ihn, ob er sich nicht ne gemeinsame Zweier-WG vorstellen könne. Oh ja, das konnte Mike. Stef war zwei Jahre jünger als er, ihm hatte er diesen Job im Pressevertrieb zu verdanken. Auch sonst war Stef voll in Ordnung. Er besaß inzwischen ein Auto und könnte Mike dann mit zur Arbeit nehmen. Mike verdiente endlich genug Kohle, um sich eine Wohnung leisten zu können. Wenn er die auch noch mit Stef teilen konnte, war das perfekt.
Goldene Zeiten standen bevor.

11 März 2018

Aktualisiert: Berührende Bücher

Beim Suchen einer Buchrezension kam mir der Gedanke, endlich mal eine Liste meiner Lieblingsbücher aufzustellen, genauer gesagt der Lieblingsbücher der letzten 20 Jahre. Denn erst im Jahr 1996 brachte mich meine Lebensgefährtin dazu, überhaupt mal etwas anderes als Fachliteratur, Tageszeitung und Rolling Stone in die Hand zu nehmen.
Das schaffte sie, indem sie mir den kleinen Hobbit schenkte. Dafür (und für vieles andere) bin ich ihr bis heute dankbar. Die Geschichte von Bilbo Beutlin hat mich damals so gefesselt, seitdem kann ich mir ein Leben ohne Bücher nur noch schwer vorstellen.
Auf eine Reihenfolge möchte ich nicht festlegen. Zum Einen fehlt mir jegliches literarische Grundwissen, zum Anderen hängt es auch oft von der aktuellen Befindlichkeit ab, wonach einem gerade der Kopf steht. Daher geht diese Liste auch querbeet durch alle Genres.

Der Hobbit + Der Herr der Ringe - J.R.R. Tolkien
Otherland - Tad Williams
Der RAMA-Zyklus - Arthur C. Clarke
Die Zeit-Verschwörung - Stephen Baxter
Zeitstürme - Kage Baker
1Q84 - Haruki Murakami
Die Chroniken der Zeitpatrouille - Poul Anderson
Enders Spiel - Orson Scott Card
Alles, was wir geben mussten - Kazuo Ishiguro
Replay - Das zweite Spiel - Ken Grimwood
Schattenklänge - Lewis Shiner
Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande - Gernot Gricksch
Becks letzter Sommer - Benedict Wells
Liegen Lernen - Frank Goosen
Herr Lehmann - Sven Regener
Emmas Glück - Claudia Schreiber
Niemalsland - Neil Gaiman
Gott bewahre! - John Niven
Alte Liebe - Elke Heidenreich
Eine wie Alaska - John Green
Und Gott sprach: Wir müssen reden! - Hans Rath
Ich und die Menschen - Matt Haig
Heldensommer - Andi Rogenhagen
Die unglaubliche Reise des Smithy Ide - Ron McLarty
Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat - Gavin Extence
Bestimmt hab ich noch genau so viele Bücher vergessen. Schreibt mir Kommentare, wenn Ihr zu wissen glaubt, was ich vergessen hab.


28 Januar 2018

Zimmer 13 im Jugend-TiK

Glücklicherweise erfuhr ich gestern Abend auf der Geburtstagsfeier einer Kollegin, dass es für die letzte Vorstellung des Jugend-TiK am heutigen Abend noch Karten gibt. Ich erfuhr es sogar aus erster Hand, nämlich von einer der Hauptdarstellerinnen, Jannice Tiec, die mir auch sofort ein paar Karten reservierte. Carmen aus meiner Schreibgruppe sagte spontan zu und wir beide haben es nicht bereut.
Das Jugendensemble des Andernacher Theater im Keller, kurz TiK genannt,  bescherte uns einen berührenden Theaterabend. Das Stück spielte im Zimmer 13 einer Klinik, welches das Hospizzimmer für Jugendliche darstellte.

Jannice Tiec, Lotta Retterath, Juliana Troteno, Melina Erikson
Mit der kreuzverdrehten Tammy, der verwöhnten Chris und der abgeklärten Zoe bewohnen im Lauf des Stücks ganz verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Krankheiten das Zweibettzimmer. Sie haben nur eins gemeinsam: Sie werden nicht mehr lange leben.

Schwester Susanne hat ihre Kämpfe mit den Mädels, ich als Zuschauer habe mich mit ihnen gefreut, als Tammy und Chris zusammen eine unerlaubte Tequila-Sause veranstalten, und habe gelitten, als Tammys Bett endgültig neu bezogen werden musste. Ich habe gelacht über viele lustige Bemerkungen in den Dialogen, mich gefreut, als Chris mit Zoe eine wichtige Unterstützung in der kritischen Phase bekam und als Chris ihre Tussy-Freundinnen in den Wind schoss.

Jenny von Schmidt (li.), Viola Pramls (3.v.re.)
Spendenübergabe nach der letzten Vorstellung
Die überzeugenden Darstellerinnen machten überzeugend klar, was wirklich zählt im Leben, nämlich Menschlichkeit, Zuneigung und Ehrlichkeit, und wie unwichtig der ganze andere aufgeblasene, verlogene Mist ist, der uns täglich um die Ohren weht. Alle Akteurinnen wirkten sehr authentisch in ihren Rollen, was bei jungen Menschen und diesem Thema nicht selbstverständlich ist. Nach dem Ende der Aufführung wurden viele Fragen des interessierten Publikums von den Darstellerinnen beantwortet. Man sammelte auch in allen Vorstellungen für das Kinderhospiz Koblenz und die Elterninitiative Krebskranker Kinder Koblenz e.V., denen am Ende auch die gefüllten Sammelbüchsen überreicht wurden.