19 Juli 2017

Arterien, Amerika und das Alter: Interpretationen der ATZ

Seltsamerweise hat mich der Begriff ATZ in den letzten Wochen auf sehr unterschiedliche Art und Weise berührt. Fangen wir bei der eigentlich ungünstigsten Interpretation an:

Arterien Teilweise Zu

Von http://phil.cdc.gov/phil_images/20030718/11/PHIL_846_lores.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=825658
So kanns aussehen
Als mir der Betriebsarzt vor Monaten eröffnete: "Eine Halsarterie ist ziemlich zu. Oldbearbone, jetzt müssen sie was machen!", war mir klar, dass ich die medikamentenfreie Komfortzone verlassen muss. Blutdruck dauerhaft zu hoch, Cholesterin ebenso. Über weitere Konsequenzen braucht man nicht lange nachzudenken. Ab zum Hausarzt. 2 Tabletten täglich, ok. Eine eingehende Untersuchung ergab, dass alle anderen Blutwerte nicht nur ok, sondern vorbildlich sind. Sechs Wochen später sind Blutdruck und Cholesterin mitten im grünen Bereich.
Nichtsdestotrotz hatte der Betriebsarzt mich für eine (freiwillige) Teilnahme an einer Studie ausgeguckt. Zusammenhänge zwischen Arteriosklerose in den Halsarterien und in den Coronargefäßen. Als Kandidat für sowas ausgesucht werden löst erstmal keine Freudenstürme aus, nicht wirklich. Aber wie die Ergebnisse nach dem aktuell erfolgten Coronar-CT zeigen, völlig zu Unrecht. Alles im grünen Bereich, nur geringfügige Ablagerungen, 20%, altersgemäß ok. Und so wendete sich also die erste ATZ-Bedeutung zum Positiven.


Die nächste Bedeutung entpuppte sich von Anfang an als der Burner schlechthin:

AltersTeilZeit

Seit knapp drei Wochen ist dies mein Beschäftigungsgrad, nur noch 3 Tage die Woche á 6,5 Stunden arbeiten. Und ich kann dazu nur sagen, es tut mir UNGLAUBLICH GUT. Den Druck der Vollzeittätigkeit nicht mehr zu spüren, ist eine Wohltat, die ich in vollem Umfang geniessen kann. Ich hab tatsächlich mehr Zeit und Energie für die Dinge, an denen mein Herzblut hängt. Für das Schreiben, das Lesen, das Nichtstun, für die nachhaltigen Projekte und Ideen, für die vernachlässigte Ahnenforschung, Ich hab mehr Zeit, dieser unsägliche Druck der kompletten Verplantheit des eigenen Lebens geht zurück, das Gefühl des Fremdbestimmtseins wird weniger. Es ist einfach nur toll und ich kann mir bereits jetzt überhaupt nicht mehr vorstellen, einen Vollzeitjob zu bewältigen. Ich war es wohl auch in den letzten Jahren zunehmend weniger.


 Und nun hat sich auch noch eine weitere Interpretation der ATZ für mich ergeben, über deren Bedeutung ich mir noch gar nicht in vollem Umfang bewusst bin:

America Texas couZin

Ok, it was something tricky to push this event into that abbreviation ATZ. But it was worth it.
How good to have goodhearted relatives
Some months before I started a DNA-test at my preferred genealogic website. And in the result I could see my ancestors came from the British Isle, Middle/Western Europe, the Balkan, Sardinia and from ashkenasian Jews. Wow, I never thought this!
But that's not the biggest point of all, I also found a far-flung cousin in Texas and her wonderful family. She's a teenager, and her mom is in my age. And we get so well with each other, that's incredible for me, they are both lovely persons. After mailing tons of text we had our first phone talk last week, thanks to FB messenger. And I tell you, when we hang up, she left me with a smile on my face and a warm heart. I'm so glad to have found these family members. An we will figure out how we are related, we'll find the trace to our common ancestor,

12 Juli 2017

Letztendlich sind wir dem Universum egal

So lautet der Titel des Buchs von David Levithan, das mich von Beginn an sehr gefesselt hat. Ein Jugendbuch wohlgemerkt, und dazu noch ein fantastisches.

A. ist 16 Jahre alt und wacht seit der Geburt jeden Morgen in einem anderen Körper auf. Mal als Junge, mal als Mädchen, A. ist in allen Geschlechtern daheim. A. kennt das nicht anders, irgendwann ist alles "normal". In den 41 Tagen, die wir im Buch erleben, mäandert A. durch 41 Körper, lebt 41 verschiedene Leben für jeweils einen Tag. Mitternacht verbringt er stets schlafend.
Frühere Versuche, die nächtliche Metamorphose live erleben zu wollen, waren sprichwörtliche Zerreißproben für Körper und Geist.
Obwohl die jeweils übernommenen Leben immer nur kurz beschrieben werden können (sonst würde das Buch 3.000 Seiten dick), beschreibt der Autor einfühlsam und authentisch, wie verschieden sich unterschiedliche "Leben" anfühlen können.

Als sich A. dann eines Tages im Körper eines ziemlichen Arschlochs in dessen Freundin so verliebt, dass er den Versuch unternimmt, diese auch danach in anderer Gestalt wieder zu treffen, beginnt das Drama.

Mehr will ich gar nicht vorweg nehmen, lediglich die titelgebende Passage komplett zitieren:

Wenn man ins Universum starrt, ist sein Mittelpunkt nur Kälte. Und Leere.
Letztendlich sind wir dem Universum egal.
 Dem Universum und der Zeit.

Deswegen dürfen wir einander nicht egal sein.

06 Juli 2017

Die Krönung des Wällers

Die Krönungszeremonie des Tippclubs "Die Geysirbomber" fand heute abend auf dem Gelände des Schützenhofs statt. Die abgelaufene Saison 16/17 wurde vom unübertroffenen Wäller am treffendsten vorhergesagt. Unter dem tosenden Beifall seiner Anhänger wurde der auch unter dem Namen Ebi bekannte Wäller von den Vertretern der Wahlkommission, Frau Dittmeyer und Herrn Bart, mit der Krone der Herrlichkeit dekoriert.
Frau Dittmeyer, König Wäller, Bart (v.l.n.r.)
 Auf den weiteren Plätzen der Wertung folgten das Bolzplatzkind und der Schwarzmeerkönig Ernestov. Im Anschluss an die Krönung wurde gemeinsam an der großen Tafel zu Füßen des Königs den Freuden des Genusses gefrönt. Die Hausherrin Rossana nebst Gefolge verwöhnten die Gäste prächtig mit leckeren Speisen und Getränken. Auch der Wettergott hatte ein Einsehen und unterbrach das Wässern seiner Felder für die Feier, so dass die ganze Gesellschaft ungezwungen im Garten tafeln konnte. Zu erwähnen sei noch die Damenwertung, welche von Oberst Mayu und der Müllerin punktgleich gewonnen wurde. Interessant weiterhin, dass die Kohlenwertung mit B.B.Cartwirght und Kloppi zwei weibliche Sieger fand.
Das Fußvolk an der Tafel

02 Juli 2017

Rathaus mit Geschmack

Die Vorbereitungen laufen schon seit Wochen. Ein Team engagierter Kolleginnen und Kollegen präsentierte am heutigen Sonntag die Stadtverwaltung im Rahmen des Kernstadtfests "Andernach schmeckt". Begonnen hat das alles schon vor einigen Wochen mit einem ersten Planungstreffen der Freiwilligen. Schnell war klar, dass wir so viele Helfer sind, dass wir das heutige Fest mit 2 Schichten bedienen können. Unsere Büroleiterin organisierte vieles, was wir uns gemeinsam ausgedacht hatten. Jeder brachte das ein, was er konnte und wollte. Und so verkauften wir heute unter dem Motto "Rathaus mit Geschmack" viele selbst gemachte Snacks vor dem Rathaus, dazu Andernacher Bier und Andernacher Brot.
Das Brot bildete auch die Grundlage der Andernacher Schnittchen, die mit vielen leckeren Belägen von Ingwer/Minze bis Spuntekäs bestrichen wurden. Die meisten Zutaten kamen aus der essbaren Stadt und der Permakultur. Auch das Andernacher Gold, das wir abends vorher zubereiteten, war überwiegend aus eigenen Komponenten hergestellt. Den Mangold hatten wir am Freitag Mittag in den Blumenkästen des Rathauses geerntet, die Eier kamen aus der Permakultur. Blätterteig, Schafskäse und Schmand kauften wir in BIO-Qualität zu.
Der Chefkoch ist noch guter Laune

Vor dem Rathaus mit Geschmack
Die Küche des Kollegen Sebastian verwandelten wir gestern Abend in ein Schlachtfeld, heraus kamen einige Bleche Andernacher Gold, die heute sehr gut vom Publikum angenommen wurden. Sebastian und ich waren heute in der Frühschicht eingeteilt. Wir bauten alle zusammen den Stand auf, was im engagierten Team gut gelang. So präsentierten wir uns heute ab elf Uhr gut gelaunt den Besuchern, die trotz grauem Himmel zahlreich erschienen. Ausgegeben wurden die Snacks in kompostierbarem Geschirr aus Palmblättern, was auch beim Publikum gut aufgenommen wurde. Um zwei Uhr war Schichtwechsel angesagt, die "Spätschicht" übernahm und ich bin sehr gespannt, wie groß am Ende der Erlös sein wird, den wir der Selbsthilfegruppe "Leben ohne Dich" von Martina Irlich übergeben werden.
Städtischer Mitarbeiter mit Schürze
Ich nutzte anschließend die Zeit, um mir zusammen mit Isabel und Tanja die neu eröffnete Ankerbuchhandlung anzuschauen und dort einen genial guten Espresso Macchiato doppio zu genießen, der seinesgleichen sucht. Auch Gerd und Petra stießen dazu. Wir saßen inmitten der Buchhandlung und genossen das schöne Ambiente.
Den Ausklang machten wir im Innenhof des Museums zu römischer Wurst und Andernacher Bier beim Relaxen auf Palettenmöbeln.
Alles in Allem ein anstrengender, aber sehr schöner Tag.

Nachtrag: Wie ich heute weiß, ist ein ansehliches Sümmchen zusammen gekommen. Genaueres werden wir wissen, wenn der Einkauf von Bier und Brot abgerechnet ist.

01 Juli 2017

Kunst auf'm Aumerich

Die liebe Kollegin Christine hatte heute alle Interessierten eingeladen, am Tag des offenen Ateliers ihre Kunstwerkstatt live zu besichtigen und dort ihre Werke und die ihrer Schüler*Innen zu bestaunen. Für einen Kunstbanausen wie mich eine schöne Gelegenheit, mal zu schauen, was diese Künstler so treiben. Isabel begleitete mich, und um es direkt zu sagen: Wir wurden nicht enttäuscht.
Von Christine hatte ich bereits auf einer Ausstellung einiges gesehen, da sah sogar ich als Laie, dass sie ihr Handwerk versteht.
Von den Schüler*innen, unter denen sich einige Kolleginnen befinden, wusste ich das nur von Andrea, deren Frauenkeramiken mich schon lange sehr beeindrucken. Aber auch was andere Kunstschüler hier zeigten, war schon imponierend. Exemplarisch habe ich mir drei Werke rausgesucht, die mich beeindruckt haben, teilweise habe ich ihnen eigene Titel gegeben.
Erloschener Engel - Sabine Marth
Blutendes Herz - Andrea Kohlhaas




















Tanzende Weiber im Regen (nach dem Beerdigungslikör?) - Uschi Lenerz-Günther

Das alles und noch viel mehr gab es zu sehen im Atelier Aumerich bei Christine Jost-Horn. Die neue Homepage ist bald fertig, dann wird ein Hinweis bei Facebook und hier im blog erscheinen.

Ende eines Abschnitts mit Retro-Skat Nr. 8

Die letzte Fulltime-Woche meiner Arbeitszeit wollte ich eigentlich gestern Abend mit einem glänzenden Sieg beim Retro-Skatabend in der alten Heimat würdig abschließen. Aber es hatte sich schon die ganze Woche im Büro angedeutet: Ohne Schmerzen komm ich da nicht raus.
Letzte Schulwoche vor den Sommerferien. Schnell noch dies oder das regeln. Und alle, die man zum Klären/Umsetzen benötigt, sind nicht zu erreichen. Urlaub, krank, Telefon besetzt oder es geht keiner dran, keine Rückrufe, plötzliche Komplett-Amnesien ("Iiich?? Hab da gar nix mit zu tun, weiß da nix von!"), das ganze Programm.
Gestern mittag nochmal schnell Mangold ernten, ich war froh, als ich mich mittags mit leichter Verspätung bei den Freunden zum Fischessen niederlassen konnte. Kurzer Zwischenstopp daheim, dann ab ins Heimatdorf, Besichtigung des Elternhauses mit einem Kaufinteressenten. Unterwegs im Auto festgestellt, dass die Schlüssel fürs Haus noch daheim auf dem Küchentisch liegen. Nochmal zurück und schnell zum Haus, die Interessenten warten schon. Anschließend bei alnatura die bestellten Sachen für Sonntag abholen, alles nach Hause in den Kühlschrank, dann wieder zurück ins Heimatdorf. So, genug! Jetzt wird Skat gekloppt, dass die Schwarte kracht.

Der Rest der Altersriege hatte sich schon auf der überdachten Terrasse niedergelassen. Freunde, Euch werd ich's zeigen heut Abend. Dachte ich. Und dann passierte etwas (O-Ton Ernest International: "Ein historischer Abend!"), das ich erstmal verarbeiten muss: Die alten Herren knöpften mir drei Runden ab. DREI Bierlachse an einem Abend! Nochmal O-Ton Ernie: "Das gab's noch nie, seit ich mich erinnern kann. Ach was, seit Menschengedenken!"
Tom McGuiness und Ernest International freuen sich über den "historischen Tag"





















Nachts auf der Heimfahrt, nachdem ich Ernest in seiner heimischen Räucherhalle abgesetzt hab, verfuhr ich mich dann noch zwischen Bendorf und Neuwied beim Weg über irgendwelche gottverlassenen Landstraßen und landete nur aus purem Glück irgendwann an einer Auffahrt zur Neuwieder Rheinbrücke. Ich hätte mich allerdings auch nicht mehr gewundert, wenn ich am Ende in Montabaur oder Rengsdorf gelandet wäre.
Und so fühlt sich mein erstes Altersteilzeit-Wochenende heute irgendwie seltsam an. Endlich hab ich mehr Zeit und Ruhe für die Dinge, die mich wirklich interessieren, dachte ich. Und nun bereite ich heute ab spätnachmittag nach dem Einkaufen mit meinem Kollegen die Leckereien für morgen vor (Andernacher ManGold) und stehe morgen früh um viertel nach neun vor meiner Arbeitsstätte, um dort aufzubauen und zu verkaufen, worauf ich mich allerdings wirklich freue. Die Veranstaltung "Andernach schmeckt" ist eine tolle Sache und ich werde im Anschluss an meine Schicht die Zeit nutzen, u.a. die römischen Speisen im Stadtmuseum zu probieren.
Den ersten freien Montag danach habe ich mit Arztbesuchen verplant, dienstags geht wieder zur Arbeit. Irgendwie scheine ich eine eigenartige Vorstellung von "mehr Zeit und Ruhe" zu haben.

24 Juni 2017

Nachhaltige Nacht

Der heutige Besuch in Koblenz hat sich für mich richtig gelohnt.
Verschiedene Gruppierungen hatten unter dem Schirm der Landeszentrale für politische Bildung zur Nacht der Nachhaltigkeit eingeladen. Und viele kamen. Wir machten uns früh mit dem Zug von Andernach aus auf den Weg. Für solche Fälle ist der Bahnhof am Löhr-Center wirklich ein Segen. Keine Parkplatzsuche, kurzer Fußweg bis in die Altstadt, perfekt! Ok, beide Fahrkartenautomaten in Andernach sponnen wieder völlig rum, das Kaufen der Rückfahrkarte ließen beide nicht zu. Irgendwann mussten wir dann zum Zug, der in diesem Fall ausnahmsweise pünktlich war. Vielleicht hätte es ja noch geklappt, wenn wir noch ne halbe Stunde mehr Zeit gehabt hätten. Die Hinfahrkarten spuckte der Automat aus, und sogar meine 20-Euro-Note nahm er im ersten Versuch klaglos an. Ich muss zugeben, das habe ich so noch nie erlebt.
Wir spazierten in Koblenz direkt zum ISSO-Haus, wo ich tatsächlich die Gelegenheit wahrnehmen konnte, mit Brigitte Pappe persönlich einige Worte wechseln zu können. Sie bereitete gerade den Upcycling-Workshop vor, den ich zur letzten Schulprojektwoche in Andernach leider nicht mehr realisieren konnte. Ja, wir werden ab September wieder darüber sprechen, was wir sonst noch in Andernach gemeinsam anrichten können.
Datt Pfefferminzje
Bei der Gelegenheit konnte ich mir auch das ISSO-Haus etwas näher anschauen. Sehr beeindruckend, was Herr Görlitz da als "Haus der Nachhaltigkeit" auf die Beine gestellt hat. Als wir uns nach einem kurzen Rundgang über den Jesuitenplatz im Pfefferminzje gut gestärkt hatten, gesellte sich mein Kollege Sebastian dazu, der auch einige interessante Dinge hier verfolgte.
Bei unserem zweiten Besuch auf dem Jesuitenplatz hatte ich die Gelegenheit, auch den Vorsitzenden meiner Energiegenossenschaft einmal persönlich kennen zu lernen. Mit dem Aufsichtsratvorsitzenden hatte ich zu Beginn bereits ein längeres, sehr informatives Gespräch. Hier fanden sich auch die Regio-Mark-Leute, Greenpeace, B.U.N.D, die Gruppe mit den alternativen Wohnformen, um nur einige zu nennen.
Prof. Dr. Braungart (links)
Um kurz vor sieben trafen wir im Gewölbekeller des alten Kaufhauses ein. Eine höchst interessante Podiumsdiskussion zum Thema Nachhaltigkeit brachte durchaus kontroverse Ansichten zu Tage, als aber im Anschluss Prof. Dr. Braungart seinen Vortrag zum Cradle2Cradle-Konzept hielt, war ich zutiefst beeindruckt.
Dieser unscheinbare Mann haute da Dinger raus, das war unglaublich. Er vertritt streitbare Thesen, die vielem Althergebrachten zuwiderlaufen, mit einer Überzeugungskraft, die ihresgleichen sucht.
Im Anschluss konnte ich noch kurz Herrn Görlitz meine Anerkennung aussprechen für das, was er da in Gang gesetzt hat und konsequent weiter verfolgt, das ist mehr als beachtlich. Er hat mir für den Fall, dass wir Ähnliches in Andernach eine Nummer kleiner angehen wollen, informative Unterstützung seitens seiner Stiftung angeboten.
Und so fühlte sich dieser Tag richtig schön an, als wir um halb elf am Löhr-Center den Zug nach Hause bestiegen.

12 Juni 2017

Kunst + Kultur + Kulinarisches = Lebenskunst



Am nächsten Wochenende lockt das Rheinstädtchen Remagen wieder samstags und sonntags mit dem Lebenskunstmarkt. Im Jahr 2015 hatten Dieter und ich viel Spass beim stundenlangen Stöbern in den Gassen.

Auch in diesem Jahr wird meine Kollegin Sigrid Heller wieder ihre Kunstwerke präsentieren. Im Schaufenster von Optik Uhren Klute in der Marktstraße 90 zeigt sie ihre 'afrikanischen' Werke.

Die 'afrikanische' Ethno-Kunst von Sigrid Heller
Ich freu mich drauf.

03 Juni 2017

Die Stadt der Treppen

Heute morgen verwöhnten uns die Gastgeber mit einem schönen Frühstücksbuffet in einem hellen sauberen Speiseraum. Die Leute vom also-Hotel machen das echt vorbildlich und genau nach unserem Geschmack.  Wir brauchen keine zehn Sorten Wurst und ähnlichen Pomp, aber von allem eine kleine Auswahl, mehr als wir jemals essen können. Dekorativ zubereitetes Obst, das frisch nachgelegt wurde, frische Säfte, Müsli und Cornflakes, Spiegel-, Rühr- oder gekochtes Ei, Brötchen, Brot, Croissants, verschiedene Marmeladen, Käse, Wurst, Tomaten und Gurken. Alles ohne Pomp und sehr sauber, vor allem sehr nett und freundlich kredenzt. Sollte jemand eine gute und günstige Übernachtungsmöglichkeit in Wuppertal suchen, können wir das also-Hotel an der Haardt nur empfehlen. Hier werden auch Menschen mit Handicaps nach ihren Möglichkeiten beschäftigt. Einzelzimmer mit Dusche und WC, TV und WLAN für 44 Euro die Nacht, Frühstück für 8 Euro. Auch hier der Charme eines Altbaus, karo einfach, alles picobello sauber. Dafür fährt man mit der Schwebebahn bis Völklinger Straße und geht fünf Minuten zu Fuß. Wir verabschiedeten uns, eine nette Angestellte brachte Isabel noch das Handy, dass ihr auf der Treppe aus der Tasche gefallen war.

Da schwebt sie heran, die Bahn
Die Anilintreppe
Mit der Schwebebahn ging es zurück an der Wupper entlang, mit dem Bus hoch aus dem Tal der Wupper auf den Nützenberg, von wo aus man einen tollen Blick über die City und das Tal hat. Zurück gings dann über einige der zahlreichen Treppen, Anilintreppe, dann Vogelsauer Treppe, weit mehr als 300 Stufen, bis man wieder im Wupper-Tal ankommt. Obwohl oder vielleicht gerade weil es auch einige ungepflegte Straßen und Treppen gibt, hat das alles einen spröden Charme. Wuppertal war als Stadt der Hundehaufen bekannt, und es gibt noch immer einige Hartmuts auf manchen Bürgersteigen, aber sie sind nur noch in einigen Außenbezirken anzutreffen, die ganze City um den Bahnhof sieht sauber aus. Nachdem eine freundliche Angestellte beim Juwelier meine alte Uhr wieder in Gang gesetzt hatte, wollten wir im Luisenviertel essen, jedoch waren hier noch alle Läden geschlossen. Die Ecke hatte Ähnlichkeit mit meinem geliebten Schanzenviertel in Hamburg, beim nächsten Besuch werden wir es abends versuchen.

Paletten-Couching hinter der Utopiastadt
Also machten wir uns mit dem Bus wieder auf den kurzen Weg zur Utopiastadt. Auf der Rückseite des Café Hutmacher gibt es eine Terrasse direkt an der Nordbahntrasse. Hier machten wir es uns bequem und genossen die Rinker Platte und das Pulled-Beef im Burger. Die Nordbahntrasse ist eine stillgelegte Bahnstrecke, die zur Spazier-, Jogger-, Skater- und Radfahrerstrecke umfunktioniert wurde. Hier landete viel Publikum unterschiedlichster Prägung zur Pause am Rinker Bahnhof. Wir setzten uns irgendwann in eine Ecke auf selbstgebaute bunte Palettenmöbel und genossen es, dem bunten Treiben zuzusehen.  Direkt vor uns eine Give-Box von der Größe einer Telefonzelle, in der neben Büchern auch CDs und Klamotten lagen, die irgendwelche Menschen nicht mehr brauchten. Geben und nehmen erwünscht - davon wurde auch Gebrauch gemacht. Ein engagierter Mann erklärte uns die Geschichte und den derzeitigen Stand des "urban gardening" in Wuppertal. Man setzt auch hier sukzessive die essbare Stadt um, deren deutsches Vorbild Andernach ist.

Nachmittags fuhren wir zurück in die Innenstadt, wo Isabel ihrem Shoppingtrieb nachgeben konnte. Beim anschließenden Besuch vor dem Milia's Coffee vertrödelten wir die Zeit bis zur Abfahrt unseres Zugs auf angenehme Weise. Ein großer Espresso, der seinem Namen alle Ehre machte, ein Geschmack und eine Crema vom Allerfeinsten. Noch ne Empfehlung! Übrigens auch das Pan Vesuvio in diesem Laden, das die Nahrungsgrundlage für die Heimfahrt bildete.
Und jetzt kommt die große Überraschung: Die Deutsche Bahn brachte uns ohne Auffälligkeiten über Köln nach Andernach zurück. Ok, in Köln fanden wir uns bei der Ankunft auf einem anderen Gleis als geplant wieder, aber genau das war unser Abfahrtsgleis für den RE5 nach Hause! Also - auch sowas kommt vor bei der Bahn.

Ein sehr schöner Kurztrip geht zu Ende - bestimmt nicht der letzte Ausflug an die Wupper. Ein Manko muss ich noch erwähnen: Furchtbar abweisende Busfahrer. Keine Information gibt man freiwillig, am liebsten Schweigen, sehr distanziert. Das hab ich so auch noch nie erlebt.

02 Juni 2017

Glücklich in Utopia

Unser Pfingst-Trip brachte uns heute direkt nach Utopia. Genauer gesagt, nach Utopiastadt in der Wuppertaler Nordstadt. Und eigentlich auch nicht direkt, denn wir benutzten die Deutsche Bahn, wodurch ein Spaß- und Zufallsfaktor automatisch integriert war.
Bis Köln waren es nur wenige Minuten Verspätung. Da wir 20 Minuten Umsteigezeit eingeplant hatten, war das kein Problem. Das tauchte erst auf, als sich auf Gleis 2 hunderte Menschen eingefunden hatten, um den ICE über Wuppertal nach Berlin zu benutzen. Als kurz vor der geplanten Zugankunft der Bahnsteig prall gefüllt war, verkündete eine knarzige Lautsprecherstimme etwas, das ich nicht verstand. Als sich jedoch in einer Kettenreaktion der ganze Schwarm auf die beiden Treppen stürzte, war klar: Umdisponiert, Gleiswechsel.
Isabel hörte dann auch was von Gleis 4 und wir stürzten uns mit ins Getümmel. Hechelnd auf Gleis 4 dann die erste Anzeige: Verspätung! Kennt man so gar nicht bei der Bahn.....
Kurz gesagt, das potenzierte sich dann hoch und in Wuppertal waren wir überglücklich, dass wir genügend Puffer einkalkuliert hatten. So gelangten wir stressfrei mit der Schwebebahn ins also-ABC-Hotel.https://www.also-hotel.de Klein, ruhig, einfach, sauber, preiswert, nettes Personal - genau unsere Kragenweite.
Genau 1 Stunde später, um Punkt acht Uhr, standen wir am Zielort: Im alten Bahnhof Mirke, im dortigen Szenelokal "Hutmacher", hatte sich heute Abend niemand Anderes als John Bramwell angesagt,  Sänger und Kopf der legendären "I am  Kloot".
Happy faces
Er und Dave Fiddler bescherten uns einen wunderbaren Abend im morbiden Charme des alten Bahnhofs. Ein Hutkonzert, das heißt hier freien Eintritt und freiwillige Spende in den Hut. Es war toll und das Publikum spendete reichlich Applaus und Scheine.
I still do
Dabei musste die ganze Veranstaltung kurz vor Beginn wegen dem einsetzenden Starkregen von draußen nach drinnen verlegt werden. Dank guter Helfer gelang dies und um halb zehn ging es dann los. Dave Fiddler war Klasse, und John Bramwell war supergut drauf. Dass er dann mit dem Klassiker "I still do" Isabel einen Herzenswunsch erfüllte, war die Krönung.

Morgen schauen wir uns den Rest der Utopiastadt Mal näher an. Was wir heute im Gespräch mit einem der Verantwortlichen mitgekriegt haben, hörte sich vielversprechend an.

21 Mai 2017

Aufgegabeltes vom 21.05.2017

Liisa entzückt mit einer tierlieben Geschichte.

Fräulein ReadOn bringt ihren Tierarzt mit einer Erzählung zum Nachdenken, und nicht nur dazu.

Maximilian Buddenbohm erzählt davon, was ihm so durch den Kopf geht im Zusammenhang mit Menschen, die man oft sieht, aber gar nicht kennt. Und wie man Philosophen identifiziert. Kommt mir irgendwie bekannt vor.

Welche Google-Suchen bei Isabel Bogdan landen, ist eigentlich kaum zu glauben. Und wie die Autorin sie unaufgefordert beantwortet, darüber könnt ich mich jedesmal wegschmeißen.

Die gute Frau Nessy berichtet über eine interessante Begegnung mit dem Käsemann.

Und was ich bisher nicht wusste: Es gibt sie, die Utopiastadt, es gibt sie wirklich. Da muss ich hin.

10 Mai 2017

Kleiner Nachtisch

Irgendwie hab ich das Abendessen heut ganz vergessen, tut mir sicher auch gut. Aber so ganz ohne, nein, das geht nicht. Im kühlen Schrank der Gelüste strahlt sie mich an, die kleine Glasschale. Mango Passione, uiuiui, hört sich auch noch gesund an.
Auch noch manuell fakturiert, wow!
Mango-Ricotta Cheesecake auf Keksen mit Mangoglasur. Mein Gott, das hört sich an, als könnte es sogar schmecken. Ratz Fatz, Papierhülle ab, Deckel ab und dann genüsslich ein Löffel nach dem andern. Hmmmh, total lecker! Nur zu wenig. Doch was ist das? Da ist schon ein spezieller Geschmack drin, den ich nicht so oft habe. Egal, Hauptsache, es schmeckt. Ein echter Genuss. Moment mal, da wird doch kein Fusel dran sein? Schnell die Papierhülle beäugt, rumgedreht, ah ja, da steht jedes Mikrogramm Inhalt namentlich beschrieben:
Milch, Ricotta, Sahne, Kokosöl, Kokosfett, Mangopürree, Maltodextrin, Reismehl, Eier, Maisstärke, Glukose, Xanthan, Pektin, Mono- und Diglyceride, ...............
Himmel, das sind doch nur ein paar Löffel, was da alles drin ist. An der Stelle lese ich nicht mehr weiter, denn es folgen noch einige Zeilen, die mir wohl alle nix sagen. Zwei Löffel weiter schaue ich dann doch nochmal hin, zu markant ist das Aroma. Mir schwant etwas. Und dann lese ich, was ganz am Ende der 10.Zeile steht: Alkohol.
Na, wem wäre es aufgefallen?
Ok, jetzt ist es auch egal. Die drei letzten Löffel genieße ich ohne schlechtes Gewissen. Aber mit der Anmerkung: "Leute, das kann man doch wohl deutlicher rausheben!" und mit der Erkenntnis "Beim nächsten Mal schau ich direkt genauer hin.".
Trotz allem für mich am wichtigsten: Ich komme gut damit klar, es verursacht weder Panik noch Lust auf mehr. Auch wenn mir der Nachgeschmack noch länger erhalten bleibt.

05 Mai 2017

100 Jahre Freiheit

Die Damen sind so frei ...
Das wunderbare Theater im Keller (TiK) mit meiner Kollegin Fatima präsentierte wie schon zur Kulturnacht eine pantomimische Collage durch 100 Jahre deutsche Geschichte, die mich sehr berührte. Guter Ausdruck der Darsteller, unterstützt durch eine passende musikalische Auswahl, zeigten sehr schnell, in welcher Epoche wir uns befanden und verdeutlichten gut, dass es schon sehr unterschiedlich sein kann, was in den einzelnen Epochen als Freiheit empfunden wurde und noch wird.
Viele Passanten blieben stehen und verfolgten das Stück mit Freude. Beeindruckend waren die dunklen Kriegsszenen, die Hippie-Zeit ("Aquarius/Let the sunshine in" wurde vom Publikum mitgesungen), die Niederknüppelung der Protestbewegung trieb mir Tränen in die Augen.

Das war in jeder Hinsicht ein gelungener Auftritt, lang anhaltender Beifall war der Dank des Publikums.

2 Wochen später wurde das Stück auch in Berlin präsentiert.


03 Mai 2017

Exkursion ins Brohltal

Klosterruine
Nach Dienstschluss hatte ich die Möglichkeit, mit meiner Kollegin die Hänge des Brohltals kennen zu lernen. Mehr als zwei Stunden lang kraxelten wir auf beiden Seiten des Tals bergauf und bergab, vom Einstieg in die Wolfsschlucht bis nach Bad Tönisstein, unterwegs sahen wir die Ruinen des alten Karmeliterklosters.
Es sind nur noch einige erbärmliche Reste der Anlage übrig, ein Betreten ist wegen der Einsturzgefahr nicht anzuraten. Von der ehemaligen Kurklinik ging es gegenüber in den Keller Hang, bis hoch zur schönen Aussicht. Am Jägerheim ein Abstieg über steile Waldtreppen, in dessen Verlauf ich auf nassem Boden nicht mehr zu bremsen war und mich letztendlich nur noch an einem Ast festkrallen konnte, um nicht den ganzen Hang hinunter zu schlittern.
In der Trasshöhle

Vom Jägerheim aus gingen wir noch weiter über die Wiesenterrassen, besichtigten die ein oder andere Trasshöhle, bis es an der Kläranlage nicht mehr weiterging. Es war ein schöner Abenteuerweg, letztendlich leider ohne Erfolg.
Blick übers Brohltal

Trotz Karte ratlos
Trotz alter Katasterkarte konnten wir den Originalstandort der ehemaligen kurfürstlichen Kapelle nicht finden. Das hing wohl auch damit zusammen, dass sich mittlerweile vieles verändert hat, dass durch Trassabbau und veränderte Straßenführung alles anders aussieht wie auf der alten Karte.

Aber auch ohne das war es ein richtig schöner Abend, den wir mit einem Dürüm bei mir zu Hause ausklingen ließen.

Kleiner Nachtrag: Bei der Ausstellungseröffnung am Freitag wird das restaurierte Modell der Kapelle präsentiert. Und am nächsten Donnerstag Abend wird Vanessa Krohn einen Vortrag über die Geschichte der Kapelle halten, worauf ich sehr gespannt bin.



02 Mai 2017

Nachtrag zu "Deutsche Bahn"

Das Rätsel ist gelöst! Wie ich erst nach dem Schreiben des gestrigen Beitrags erfuhr, entgleiste ein IC im Dortmunder Bahnhof eine Stunde nach unserer Durchfahrt und legte den Schienenverkehr in NRW lahm. Irgendwer hat sich wohl um eine Stunde vertan und dadurch kamen wir diesmal ohne Verzögerung durch. Und ich hatte tatsächlich schon mit dem Gedanken sympathisiert, Bahnreisen sei auch ohne Zwischenfälle möglich. Tzzz tzzzzz....

01 Mai 2017

Abschied

Wie alles Gute, so endete heute auch unser Kurzurlaub. Leider. Es gab viel zu sehen. Vieles würde ich mir gerne mit etwas mehr Zeit näher betrachten. Daher ist eine mögliche Rückkehr nach Stralsund mit einer Woche Zeit schon mal im Hinterkopf notiert.
Das Hotel am Jungfernstieg war der ideale Ausgangspunkt für unsere Erkundungen. 2 Minuten fußläufig vom Bahnhof entfernt, picobello sauber, super freundliches und hilfsbereites Personal.
Vierzehn auf einen Streich
Die Rückfahrt mit der "Deutsche Bahn" gestaltete sich überraschend problemlos. Sowohl in Stralsund als auch beim Umsteigen in Harburg hielten sich die reservierten Wagen exakt an die Zeit und an den Wagenstandsanzeiger. Nachdem sich eine kleine "Irritation" bzgl. der Platzreservierung als Verwechslung unsererseits herausgestellt hatte, war eigentlich klar, dass auf der Rückfahrt noch irgendetwas passieren musste. Mir fielen einige Erlebnisse ein, die klar besagten: Irgendwas geht immer schief! Aber nichts da, alles passte super, bis zum Schluss. Ich kann mich auf Anhieb nicht erinnern, das schon einmal mit der "Deutsche Bahn" erlebt zu haben.

Dass unsere Tour ansonsten perfekt geplant war, ist mittlerweile nichts Neues mehr für uns. Bei Verditours werden wir jedes Jahr verwöhnt. Und das ist ausschließlich unserer allerbesten "LeiseReiterin" zu verdanken, der ich auch an dieser Stelle ein ganz dickes Lob zollen möchte.


Danke, Valeska!

Dass es ihr selbst auch gefallen hat, beweist dieses Foto, auf dem ich sie heimlich beim RauschenLauschen an einer großen Muschel beobachten konnte. Diese strahlenden Augen sagen alles.

Beide schauen glücklich

30 April 2017

Der Koloss von Prora

Der heutige Tag führte uns mit der Regionalbahn zum Ostseebad Binz auf Rügen.
Den beiden geht's gut

Dort angekommen, gab es nur eine Richtung: Ostseestrand und Strandpromenade!
Während die meisten am Sandstrand entlang schlenderten, dabei Sonne und See genossen, stürzten sich unsere Mutigsten direkt in die Fluten.
Coolwalder

Coolsigi














Unglücklicherweise hatte ich genau heute meine warme Jacke im Hotel gelassen und glaubte, Thermohemd und Jeansjacke würden ausreichen, um den Eisstürmen am Strand zu trotzen. Taten sie nicht. Daher verließ ich nach einer halben Stunde durchgefroren die Strandgänger, Admiral Ernestov und Leichtmatrose Gerry schlossen sich an. Wir enterten ein Café mit windstillen Sonnenplätzen und erstaunlich normalen Preisen, eine heiße Trinkschokolade zartbitter von Pernigotti (köstlich!) brachte mich wieder auf Betriebstemperatur.
Wir beschlossen, einen Abstecher nach Prora zu machen, um den dortigen Koloss einmal aus der Nähe zu betrachten. Den Tipp hatte mir tags zuvor Hanni gegeben. Vom Bahnhof aus eine kurze Busreise über drei Stationen und eine Viertelstunde Fußweg später standen wir vor dem Museum, dass mittlerweile in der gigantischen Anlage untergebracht ist. Viele, teils skurile Ausstellungen sind in den vergammelnden Blocks unter einem Dach versammelt. Im fünften und obersten Stock im Wiener Kaffeehaus begannen wir unseren Rundgang mit einem Blick auf die Ostsee.
Blick aus dem Wiener Kaffeehaus
Die Geschichte von der Planung über die Erbauung bis zu den verschiedenen Nutzungsarten der gigantomanischen Anlage ist gut dokumentiert. Unter Adolf ursprünglich als Urlaubsdomizil für jeweils 20.000 Mitglieder der nationalsozialistischen Organisation KdF (Kraft durch Freude) geplant, wurde es bereits kurz nach den ersten Teilfertigstellungen 1939 als militärisches Ausbildungslager umfunktioniert. Die ursprünglich 8 Blöcke hatten eine Gesamtlänge von 4,5 km und waren auch ein Ausdruck des nationalsozialistischen Größenwahns. 3 der 8 Blöcke wurden nach dem Krieg zerstört, die verbleibenden 5 Blöcke umfassen noch beeindruckende 2,5 km. Nach Nutzung durch Wehrmacht, Roter Armee, NVA und Bundeswehr wurden und werden seit 2004 einzelne Segmente veräußert, für Hotels, Eigentumswohnungen und sonstige Nutzungen.
Der Koloss von Prora als originalgetreues Modell
Außer der Geschichte des Riesenbauwerks findet man im Museum auch alte DDR-Motorräder, alte Nähmaschinen, Ausstellungen von Partnermuseen in Schweden, Polen und Österreich, Modelle von deutschen Kriegsschiffen der beiden Weltkriege, NVA-historische Ausstellungen und vieles mehr. Ein Besuch lohnt sich.

Nach der Rückfahrt speisten wir heute Abend ein letztes Mal in Stralsund, diesmal im Goldenen Löwen.
Im Goldenen Löwen
Das Essen war gut, 2 glatzköpfige Kellner waren freundlich, wenn auch die zahlreichen Tätowierungen auf dem Arm des bedienenden Kollegen einige unschöne Symbole aufwiesen. Mich lud es nicht unterm Strich nicht zum Wiederkommen ein, beim nächsten Besuch haben wir ja ein paar Tipps der Reichels, die wir ausprobieren wollen.

29 April 2017

Verspätete Perlen

Unser Hotel am Jungfernstieg war mir gestern bereits ausschließlich positiv aufgefallen. Freundlich, kundenorientiert, die Zimmer super sauber und gemütlich. Alles Wichtige ist da, "Nice-to-have"-Dinge wie WLAN und Fernseher ebenfalls. Und heute morgen dann ein einfaches Frühstücksbuffet mit freundlichem flinkem Personal. Kein Lachs und keine 20 Sorten Wurst, aber die brauch ich auch nicht. Leckere Marmeladen, Käse und Wurst, vegane Aufstriche, verschiedene Brötchen und Brot, Rührei, Müsli und Cornflakes, Orangensaft - kurzum: Alles, was ich brauche.
Admiral mit Sturmfrisur
Als dann endlich auch die Langschläfer *hüstel* fertig gefrühstückt hatten, schlenderten wir zusammen über die ganze Altstadtinsel zum Ozeaneum. Bevor ich an dieser Stelle meine unscharfen, falsch belichteten Fotos zeige: Schaut's Euch an, wenn ihr mal hier in der Nähe seid! Zum Schluss der Rundtour auf Relax-Liegen in der Tiefsee den Walgesängen zuzuhören ist ein Highlight. Wenn man nicht gerade einen jungen Vater mit zwei verzogenen Gören neben sich hat, der es nicht unterbindet, dass die beiden Höllenkinder minutenlang kreischend durch die Gegend rennen und den meisten Leuten jeden Spass an der Vorführung nehmen. Und nehmt Euch Zeit! 2,5 Stunden vergingen wie nichts, und Kilometergeld sollte man auch beantragen.
Danach fotografierte ich Admiral Ernestov von der Schwarzmeerflotte auf der Gangway der Gorch Fock und zog anschließend mit Leichtmatrose Gerd durch die Altstadt.
Am Alten Markt besuchten wir den Tag der erneuerbaren Energien, der in Stralsund nun schon zum 6.Mal auf diese Weise mit verschiedenen Ausstellern begangen wurde. Interessante Gespräche mit Entsorgern, Betreibern und Versorgern sorgten dafür, dass sich auch dieser Besuch gelohnt hat, zumals wir das mit einem exzellenten Espresso am Coffee-Bike abschlossen.
Der Alte Markt mit sauberer Energie und leckerem Espresso

Schnuckeliges Café in der Böttcherstraße
Das kleine gemütliche Kaffee Kelm in der Böttcherstraße lud uns zum Aufwärmen ein und zeigte mir, dass ein Riesensturmsack mit Kirschen überhaupt nicht mehr mit einem Windbeutel herkömmlicher Art vergleichbar ist.

Coffifee - seeeehr klein, aber schöööön
Das Atelier rednuslarts in der Fährstraße (aus dem 111-Orte-Führer von Rügen) hatte leider schon geschlossen, als wir dort ankamen, ebenso das +Buch. Jedoch war das daneben liegende und dazugehörige Coffifee geöffnet, das wirklich kleinste Spezialitäten-Café des Nordens. Wir genossen einen Fun White und eine kalte Inge und unterhielten uns prächtig mit den beiden Kindern der Familie Reichel, die heute das Kaffee führten. Von den beiden bekamen wir dann auch Tipps und einen kleinen Flyer über die wirklichen "Perlen" der Altstadt. Atelier, Buchladen und einige Perlen werden wir beim nächsten Stralsund-Besuch aufsuchen, versprochen!
Nach einem kurzen Abstecher zurück ins Hotel ging es wieder zurück in die Altstadt. Dort trafen wir uns gegen sieben im Hansekeller zum Abendschmaus. Schweinerückensteak au four und zum Dessert Vanilleeiskugel mit Krokant, Himbeersauce und Früchten führten dazu, dass ich anschließend nur noch zurück ins Hotel wollte, um diese Zeilen zu schreiben. Und ich glaube, dass ich gleich nicht mehr allzulange wach bleibe. Ein schöner Tag geht zu Ende.

28 April 2017

Koffer zu - und ab!

Heut Nacht legt der Very-special-Night-Train in Andernach an und bringt unsere Truppe in den Norden. Ein letzter Blick in den Koffer - und dann schnell noch ne Mütze Schlaf holen. Die Vorfreude wird mich vermutlich nicht allzu lange schlafen lassen.
Ich freu mich auf Stralsund, ich freu mich auf Rügen, ich freu mich auf ein paar schöne Tage mit netten Menschen. Und werde bestimmt an dieser Stelle ein paar Eindrücke unserer Reise schildern.
Bei der Abfahrt spielt die Deutsche Bahn ein wenig Lotterie mit uns. Der 1:10 Richtung Hamburg hat abwechselnd mal 18, mal 5, mal 10 Minuten Verspätung. Letztendlich werden es 7 Minuten, dafür hängt unser Wagen entgegen der Wagenstandsanzeige am Ende des Zuges statt am Anfang.
Wir rasen also den ganzen Zug entlang, alle 14 mit ganzem Gerödel, um uns dann von Wagen 8 aus in Richtung Zugende zu quetschen. In Wagen 7 angekommen müssen wir leider feststellen, dass mit der Reservierung "irgendetwas durcheinander geraten ist". Ein freundlicher Zugbegleiter geleitet uns dann noch einen Wagen weiter, wo wir in einem alten Großraumabteil doch noch alle Platz finden.
Ruckzuck ist die Truppe in feuchtfröhlicher Stimmung. Die mitgebrachten Frühstücksspezialitäten werden zackig in ein erstes Nachtmahl umfunktioniert.
Ein kleineres Problem ergibt sich, als ich nach dem Nachtmahl auf den Schacht muss. Die Kabine bietet zwischen der Schüssel und dem gegenüberliegenden Schrank gefühlte 20 cm Platz. Das heißt, ich kann mir aussuchen, ob ich vorne die Knie nach oben anwinkele oder hinten am hochgeklappten Klodeckel klebe. Unter Aufbietung akrobatischer Fertigkeiten gelingt es mir, mein Geschäft ohne Kollateralschäden zu verrichten.
Alle sind müde - fast alle!
Dann hält langsam die Müdigkeit Einzug im Wagen. Morgens steigen wir in Harburg um, gönnen uns einen Kaffee und futtern die letzten Brötchen zum Frühstück im Zug. Gegen halb elf sind wir dann da: Stralsund!
Hartmut hat's echt drauf!
Nach dem Einchecken und einer kurzen Pause im Hotel steht schon um 14 Uhr das erste Highlight an: Altstadtrundgang mit Hartmut Linke. Ein sehr interessanter, informativer und lockerer 2-Stunden-Altstadtrundgang, überwiegend auf Kopfsteinpflaster. Dabei ist es kalt und windig, so dass wir am Ende der Tour im Hafen erstmal die Körpertemperatur mittels Kaffee auf überlebenswichtige Werte bringen müssen.
Die Wulflam-Stuben
Um 18 Uhr hat unsere weltbeste Leisereiterin Valeska einen Riesentisch in den Wulflamstuben reserviert. Richtig gutes Essen, supernette Bedienung, das ist schon erste Sahne. Ich sag nur "Pflaumen im Speckmantel", "Zanderfilet gebraten mit offener Blutwurst-Lasagne und Stachelbeer-Pfeffer-Kiwi", "Fritz-Spritz Bio Rhabarberschorle" und zum Schluss einen leckeren Espresso Macchiato. Reicht? Yep!
Kaum zu beschreiben, wie gut es tut, nach einem solchen Tag im Hotelzimmer zu sitzen, die drückenden Galoschen von den Füßen zu werfen und die Eindrücke des Tages im blog zu verarbeiten.

23 April 2017

Die weiße Rose lebt!

Premierenabend im Andernacher TiK war angesagt, die TiK-Kids gaben ein 2-Personen-Stück zum Besten. Das kritische Thema Die weiße Rose lebt zog einige Besucher in den Keller der Realschule plus St.Thomas.

Und auch diesmal hat es sich gelohnt. Unter der Leitung von Cornelia Praml spielten Hannah Leisch und Florian Heimann die beiden Zwölftklässler, die für eine Aufführung von den letzten Minuten der Geschwister Scholl in ihrer Zelle probten - und sich zwischendurch immer wieder über den Alltag in ihrer Schule unterhielten. Ein Bühnenstück also, in dem es um die Proben für ein Bühnenstück geht. Die beiden Darsteller setzten das überzeugend um und erreichten nicht nur mich, sondern auch den Rest des Publikums, wie man an der lebhaften Anschlussdiskussion unschwer erkennen konnte. Mich persönlich berührte sehr, wie nahe mir die Realität der Geschwister-Scholl-Szenen kam, trotz spärlicher Bühnendeko mit Tisch, 2 Stühlen, Tafel und einem Gitterfenster.
Kurz vor der Hinrichtung durch Enthaupten. Köpfen! Das ging mir nahe und brachte mich zum Nachdenken.
Die beiden haben ihr Leben für eine gute Sache riskiert und verloren, wie einige andere auch. Wieviel wäre ich selbst in einer solchen Situation bereit zu riskieren? Mein Leben? Eher nicht, so mutig bin ich nicht. Für was bin ich bereit, etwas zu riskieren? Welche Risiken würde ich eingehen?
Auch das, was Sophie zwischen den Proben aus dem Schulalltag berichtete, verursachte Bauchgrimmen. Ja, das gibt's tatsächlich heute.
In der folgenden Publikumsdiskussion wurde schnell klar, dass eine Erstarken faschistischer Tendenzen auch im Alltag spürbar ist - wenn man bereit ist, hinzuschauen. An den Schulen, im Umgang miteinander, in der zunehmenden Wichtigkeit egoistischer, wirtschaftlicher Werte. Konsens war natürlich, dass jeder etwas dagegen tun kann, auf unterschiedliche Weise.
Fazit: Ein lohnender und bewegender Abend, sicher nicht der letzte im TiK.
Wer das heute Abend verpasst hat und sich das nicht entgehenlassen will: Auf dem Bild seht ihr die weiteren Aufführungstermine.

11 April 2017

Weiter geht es mit Schreiben!

Vom 24.04. bis 10.07.2017 findet zum vierten Mal der Kurs "Kreatives Schreiben!" bei der VHS Andernach statt.
Wer wie wir Lust am Schreiben hat, kann hier lernen, worauf er beim Verfassen von Texten, Kurzgeschichten, Romanen oder Geschichten achten sollte. Schreiben, Vorlesen, Zuhören, konstruktiv kritisieren, damit beschäftigen wir uns meist. Alles ist freiwillig, niemand wird zu irgendetwas gezwungen

Gabriele Keiser
Mittlerweile hat sich ein Stammteam an Teilnehmern etabliert, bereichernde Neuzugänge sind uns immer willkommen, auch ohne Vorkenntnisse. Unsere Dozentin ist die bekannte Krimi-Autorin Gabriele Keiser.Der Kurs findet alle 2 Wochen montags von 18:30 bis 20:00 Uhr in den VHS-Schulungsräumen der Stadthausgalerie statt und umfasst 6 Abende.
Anmelden kann man sich hier: Anmeldung zum Schreibkurs.
Die Kosten betragen insgesamt 36 Euro. Wer sich überlegt, zuerst mal reinzuschnuppern, kann dies auch ohne Anmeldung tun. Einfach vorbeischauen und Hallo sagen 😊.

23 März 2017

Das Jahr des Steinwurfs


In diesem Jahr fanden gleich drei Großereignisse statt, die das Leben von Mike Neuhaus maßgeblich beeinflussen sollten:
-A- Er wurde 18.
-B- Er flog von der Schule.
-C- Er fuhr nach Italien.
Dies ist keiner der bescheuerten Multiple-Choice-Tests, die mittlerweile auch in der Schule Einzug gehalten hatten. Nein, alle drei Punkte trafen zu!

Punkt A
Zu Punkt A gibt es gar nicht viel zu erklären. Das kam von ganz alleine, Mike musste nur lange genug warten. Und das konnte er schon damals besonders gut. 18! Volljährig! Erwachsen! Wenn das nicht Grund genug war, das ganze Jahr ausgiebig zu feiern! Das machte ihm richtig Spaß. Er zeigte den verheuchelten, spießbürgerlichen Eltern, den bescheuerten, leistungsorientierten Lehrern, der ganzen beschissenen Welt eindrucksvoll, dass er weiß, wie man es richtig krachen lässt. Dass das indirekt zu Punkt B führte, nahm er in Kauf. Im Großen und Ganzen war er bereit, für seine Überzeugungen auch Nachteile hinzunehmen.

Punkt B
Seine Schulnoten hatten in den letzten vier Jahren zunehmend unter den Trainingsvorbereitungen auf die exzessiven Volljährigkeitsfeiern gelitten, sowas musste ja gut und lang einstudiert werden. Seine Eltern hatten ihm als letztes Rettungsangebot die Finanzierung eines zweiwöchigen Italienurlaubs im Sommer zugesagt, als Anreiz dafür, dass er sich endlich zusammenreißen, für die Schule lernen und die Versetzung in die 12 doch noch schaffen sollte. Man wollte mit allen Mitteln seine zweite Ehrenrunde verhindern.
Er würde zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub machen, der sich auch so nennen durfte. Über das Sommerzeltlager mit der katholischen Jugendgruppe am nächsten Baggersee war er bisher nie hinausgekommen. Seine Herrschaften pflegten die Schufterei in der Landwirtschaft jedem noch so schönen Urlaub vorzuziehen, für die war Urlaub eigentlich ein Hasswort, wie Gammler oder Heidenkind. Sollte der Sohnemann halt mal zwei Wochen faulenzen, Hauptsache er schaffte die Versetzung in der Schule. Gute Noten waren in ihrer Wertigkeitsskala sehr hoch angesiedelt, etwa so hoch wie der sonntägliche Kirchgang, dessen Auslassen konsequent mit Taschengeldentzug geahndet wurde.
Nicht, dass Mike das Urlaubsangebot in irgendeiner Weise motiviert hätte. Klar, er wollte nach Italien, unbedingt. Die Reise war vom heimischen Sportverein organisiert. Das bedeutete, ein paar Kumpels und einige wunderbare Mädels würden auch dabei sein, hey! Aber dafür in der Schule seinen Arsch zu bewegen, das ging gar nicht. Er war doch nicht bestechlich! Und so versuchte er, das Schuljahr ohne zusätzliche Anstrengungen zu überstehen, sich irgendwie durchzumogeln.
„Wie schaffe ich in einer Deutscharbeit 4 Punkte, ohne das zu analysierende Buch jemals eines Blickes gewürdigt zu haben?“ DAS waren Herausforderungen, da war wirklich Kreativität gefragt!
Als die Zeugniskonferenzen vorbei waren, ohne dass er einen blauen Brief oder Ähnliches zu Hause hätte abfangen müssen, konnte er aufatmen. Irgendwie war er durchgeflutscht, klasse!
Umso größer sein Erstaunen, als eine Woche später sein Physiklehrer Rabenstein, gleichzeitig stellvertretender Rektor des Gymnasiums, ihn zu Beginn der Stunde nach draußen bat und ihm erklärte, dass seine Versetzung noch auf der Kippe stünde und er nun aus dem Stand eine Kursarbeit über das letzte halbe Jahr nachschreiben müsse. Schließlich hing alles von seiner Physiknote ab, die noch unter den 4 Punkten stand, die er gebraucht hätte. Natürlich protestierte Mike heftig, seine Rechte kannte er gut!
„Kursarbeiten müssen zwei Wochen vorher angekündigt werden, dass wissen Sie genau!“.
„Neuhaus, allerletzte Chance, sonst war's das!“
„Damit kommen Sie nie durch, nie!“
Rabensteins Miene versteinerte sich. Mit den Worten „Hier warten!“ ließ er Mike im Flur stehen und kam eine Minute später mit Rektor Nassmann zurück. Nassmann war ungefähr zwei Köpfe kleiner als Mike, aber saugefährlich. Wenn der hochging, brannte die Luft. Und er ging hoch. Der kleine Kerl war plötzlich einen Kopf größer als Mike, so plusterte er sich auf, und aus seinem Mund donnerten Worte wie Felsbrocken in Mike's Gehörgänge. Ruckzuck machte er Mike klar, dass dies tatsächlich seine letzte Chance war. Die genauen Worte, mit denen Nassmann ihm die Angst in die Augen trieb, erreichten seinen Verstand nicht. Den Sinn des Ausbruchs begriff er jedoch augenblicklich: „Schreiben oder sofort von der Schule fliegen!“.
Mike folgte den beiden ziemlich eingeschüchtert nach unten in Rabensteins Zimmer. Vor der Tür wurde der Hausmeister als Wachmann postiert, pfuschen war unmöglich. Und dann übergab ihm Rabenstein die Aufgaben, handschriftlich mit rotem Kuli auf drei Seiten geschrieben, und zehn leere Seiten für die Zwischenrechnungen, alles auf kariertem Papier. „Sie haben 2 Schulstunden Zeit.“ Ende der Ansage!
Rabenstein und Nassmann verließen das Zimmer.
Noch bevor er die Aufgaben betrachtet hatte, ahnte Mike bereits, dass die Wahl des Physik-Leistungskurses ein großer Fehler gewesen war. Dafür würde er nun bezahlen müssen!
„Ok, ganz ruhig, tief Luft holen.“
Mike setze sich an den Schreibtisch und sah sich die erste Aufgabe an. Ein Strichmännchen mit einem Seil in der Hand des ausgestreckten Arms. An dem Seil war ein rundes Etwas befestigt. Und daneben die Aufgabe: Herr Meier dreht an seinem Arm in 1,21 m Höhe ein Seil von 73 cm Länge vertikal um die waagerechte Unterarmachse. Am Seil ist ein Stein mit einem Gewicht von 436 g befestigt. Herr Meier dreht mit der Beschleunigung 0,6 g das Seil und lässt es nach 4,7 Sekunden los.
- In welchem Winkel Alpha verlässt der Stein den Wurfarm?
- Mit welcher Geschwindigkeit v verlässt der Stein den Wurfarm?
- In welcher Entfernung x schlägt der Stein auf dem Boden auf?
Mike wurde es schlagartig kotzübel. Obwohl er saß, spürte er, dass seine Beine wacklig wurden. Alles Blut wich aus seinem Gehirn, stattdessen füllte es sich mit purem Entsetzen. Was war DAS denn? Kein Mensch im Universum konnte diese Aufgabe rechnen! Dafür beschäftigte die NASA ein Team von studierten Experten! Er fragte sich: „Wie komm ich aus der Nummer wieder raus?“ und fürchtete, die Antwort zu kennen: Gar nicht.
Er checkte panisch das Zimmer. Natürlich hatte Rabenstein kein Buch hier stehen lassen, was ihm irgendwie hätte weiterhelfen können. Der alte Drecksack! Hier im Zimmer würde er keine Hilfe bekommen. Raus, er musste raus! Wenn er nur in den Physikraum zurück käme! Dort könnte er in einem Moment reinhuschen, wenn Rabenstein eine seiner kilometerlangen Formeln an die Tafel schrieb. Er würde in der Deckung der Bankreihen langsam über den Boden robben. Bis in die letzte Reihe, wo seine Schultasche stand. Rabenstein würde ihn nicht sehen und seine Mitschüler würden ihn nicht verraten. Und dann – Scheiße, und dann?!? Er hatte natürlich kein Physikbuch mehr eingepackt heute morgen. Die Zeugnisse waren doch schon geschrieben. Was sollte der Mist?! Maurer, sein Platznachbar, würde ihm dann eben sein Physikbuch leihen müssen. Und wehe, der will nicht!
Aber um dorthin zu gelangen, müsste er erst mal aus Rabensteins Büro rauskommen. Nur wie?
Vor der Tür stand dieser Penner von Hausmeister. An dem gab's definitiv kein Vorbeikommen. Aus dem Fenster? Das Fenster! Es war nicht verriegelt. Es führte zwar nur zum kleinen quadratischen Innenhof, ein Stück Wiese mit einer Bank, auf die sich nie einer setzte, aber egal. Er öffnete den Fensterflügel – und sah im gegenüber liegenden Fenster Rektor Nassmann in die Augen. Mike winkte ihm verlegen zu, holte dreimal tief Luft, als wenn die Frischluftzufuhr ihm irgendwie helfen könnte – und schloss das Fenster wieder. Dann gab er endgültig auf, es gab kein Entkommen aus dieser Hölle!
Den Rest der Doppelstunde verbrachte er wie in Schockstarre, die anderen Aufgaben las er sich gar nicht mehr durch. Als es endlich klingelte, bemerkte er, dass seine Finger auf das erste Aufgabenblatt ein zweites Strichmännchen gemalt hatten, ein blaues, direkt neben dem roten, drumherum ein paar Blümchen und einen Luftballon.
Er ließ die Papiere auf dem Schreibtisch liegen und verließ das Zimmer. Der Hausmeister bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick und schloss hinter ihm Rabensteins Bürotür ab. Mike ließ ihn wortlos stehen und schlurfte zurück in den Physiksaal. Zum Glück waren die Mitschüler schon raus auf den Pausenhof gestürmt. Einsam packte er seine Tasche und schlappte durch den Seiteneingang raus aus dem Schulgelände. Er wollte niemanden sehen und hören. Eigentlich war jetzt noch eine Doppelstunde Latein angesagt. Der zweite Leistungskurs, den er nie hätte wählen dürfen. Frau Krotz, die blonde, gut aussehende Lateinlehrerin hatte ihn gnadenlos mit 2 Punkten abserviert. Krotz-Kotz, die fehlte ihm gerade noch zu seinem Glück! Der Schulbus, der sie auf die andere Seite des Flusses bringen würde, fuhr erst nach dieser Doppelstunde. Aber sowohl auf Latein als auch auf den Bus verzichtete er heute lieber. Den blöden Fragen der Anderen wollte er lieber aus dem Weg gehen.
Wie in Trance machte er sich zu Fuß auf den Weg. Er wusste, dass er diesen Heimweg, den er in den vergangenen Jahren viele Male gegangen war, nie mehr gehen würde. Und so würde er auch den Blick zurück auf die Schule und die kleine Stadt heute zum letzten Mal betrachten.
Eine Stunde später, zu Hause angekommen, war seine Mutter glücklicherweise im Garten, niemand war im Haus. Er legte sich sofort ins Bett und hatte nur noch den Wunsch zu schlafen und nie mehr aufzuwachen.

Vier Wochen später hatte sich der ganz große Ärger wieder gelegt. Die Schmähungen und Drohungen, die er anfangs über sich ergehen lassen musste, waren heftig gewesen. Seine Mutter hatte ihm mehrfach versichert, dass er irgendwann unter der Brücke enden werde. Jeder Penner bringe heute schon mehr zustande als er. Sein Vater redete kaum mit ihm, sondern zeigte ihm sehr offen, wie enttäuscht er von seinem Ältesten war. Die obligatorische Taschengeldsperre war dagegen ein kleineres Übel. Die Zeit des Feierns war eh vorbei, er durfte sich bis zum geplanten Italienurlaub gar nix mehr erlauben. Folglich brauchte er auch wenig Kohle. Das bisschen, das er für Kippen brauchte, musste er sich solange aus dem Portemonnaie seiner Mutter klauen. Irgendwann hatten seine Eltern wieder einen gemäßigteren Ton angeschlagen. Es war ihnen wohl aufgefallen, dass er ihre Beschimpfungen und Restriktionen nur wortlos hinnahm und keinerlei Spuren von Einsicht zeigte. Und so erfolgten plötzlich unbeholfene Versuche, einen Dialog mit ihm zu führen. Das hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Leider fragten sie meist komische Sachen wie „Was stellst Du Dir denn nun vor, wie es weitergehen soll?“ und ähnlichen Quark. Ja, woher sollte er das denn wissen?!? „Keine Ahnung!“ war seine häufigste Antwort.
Seine Mutter legte sich mächtig ins Zeug und schaffte es trotz abgelaufener Frist, ihn noch an einer Privatschule anzumelden, an der er einen weiteren Anlauf Richtung Abitur nehmen konnte. Mike tat so, als freue er sich darüber, und schwupp war die Stimmung seiner Oldies wieder etwas besser. Sogar die Weiterzahlung des Taschengelds wurde erwogen, das wäre der ultimative Hit gewesen. Leider machten seine Eltern das vom regelmäßigen sonntäglichen Kirchgang abhängig. Da würde Mike sich schon was einfallen lassen müssen, um diese Hürde glaubwürdig zu umschiffen. Die machten sich tatsächlich Hoffnungen, er könne von jetzt an das Lernen dem Leben vorziehen und nun endlich zu dem Musterschüler und -studenten werden, den sie sich immer gewünscht hatten.
„Unglaublich, diese Naivität!“

Fortsetzung folgt......

06 März 2017

Auszug aus dem Haus der Gestrandeten oder "U.D.S."

Irgendwann im November war es so gekommen, wie es kommen musste. Die Hausverwaltung hatte allen Mietern im Haus der Gestrandeten schriftlich mitgeteilt, dass die gemeinsame Zeit bald zu Ende gehen wird. Man hatte sich brav für die gute Zusammenarbeit bedankt – und dann wegen Eigenbedarf gekündigt. Zum Glück blieben noch gut vier Monate, sich um etwas anderes zu kümmern. Die Kündigungsschreiben waren in den nächsten Tagen das beherrschende Thema der abendlichen Treffen in Mike's Bude. Ende März mussten alle raus sein.
Kalli und Elke planten, sich in der Nähe von Kallis Elternhaus nieder zu lassen, denn sein Vater würde sich sicher um eine passende Wohnung kümmern. Der würde seinen jüngsten Sohn nicht hängen lassen. Klar, das würde eine Umstellung für Elke sein, aus ihrem gewohnten Umfeld heraus in die nächste Provinzstadt zu ziehen, wo sie nur eine Freundin kannte, wo man einen anderen Dialekt sprach. Wichtig würde die richtige Entfernung zu Kallis Elternhaus sein. Nah genug dran, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können, weit genug weg, um nicht ständig von den Alten kontrolliert zu werden.
Der lange Piet von oben hatte sich mit seiner Freundin schon ein Appartement drei Häuser weiter gesichert. Der Kellner aus der Nachbarwohnung wollte näher an seine Arbeitsstelle ziehen, einem vornehmen Restaurant in der Altstadt, ebenso wie Öhrchen aus dem Keller, die zukünftig zu Fuß zum Anschaffen im Roten Haus gehen wollte, weil ihr die nächtlichen Heimfahrten mit der Taxe zu teuer geworden waren. Selbst der Schüttel-Müller aus dem anderen Kellerloch hatte nach kurzer Zeit irgendwo einen neuen Mietvertrag erschwindelt.
So hörte Mike nach und nach von den anderen Mitbewohnern, wie schnell die meisten was Neues gefunden hatten. Daher beschloss er, sich keine Sorgen machen zu müssen. Er vertraute darauf, irgendwas würde sich für ihn ergeben, irgendwas ergab sich immer, wenn man nur lange genug wartete.

Ein anderes seltsames Problem hatte sich klammheimlich in Mike's Gedankenwelt eingeschlichen. Er bekam ab und an das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Nicht oft, aber immer mal wieder. Und er wurde dieses Gefühl an solchen Tagen auch nicht mehr los, wenn es denn einmal da war. Da halfen auch Unmengen von Bier nicht drüber hinweg.
Ein paar Wochen später folgte einer dieser Tage. Er war mit einigen anderen aus der Clique am Ende eines feuchtfröhlichen Abends in Tonis Eckkneipe gelandet. Kalli war schon nicht mehr dabei, Elke hatte ihn nicht mehr gehen lassen, nachdem er sich von Mikes Wohnung aus gerade noch in ihr Appartment auf der anderen Seite des Flurs geschleppt hatte. Dass er dann in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit den geöffneten Kleiderschrank mit der Toilette verwechselt hatte, war für Elke Anlass genug, ihn als „vollgesoffene Drecksau“ zu beschimpfen und gleichzeitig die Höchstrafe zu verhängen: Absolutes Ausgehverbot für den Rest des Abends. Tja, Pech gehabt.
Aber Kallis Schwester Rosi war noch mit dabei, die schon seit langem Mikes verstohlene Blicke auf sich zog. Sie war eine gepflegte Frau mit einem schwarzen Kurzhaarschnitt, immer gut gekleidet, aber nie aufgedonnert. Etwas schüchtern wirkte sie, angenehm zurückhaltend. Keine Schönheit aus dem Katalog, aber Mike spürte, dass hinter der verschlossenen Fassade ein übergroßes Herz schlug. Leider war auch ihr Freund Martin mit dabei, ein ziemlicher Honk, der jedoch durch seine ständige Schwarzarbeit immer Kohle hatte. Sein Gesicht wirkte unsauber, er hatte halblange, fettige Haare und einen ungepflegten Schnauzbart, der die gelben schiefen Zähne teilweise verdeckte. Auch kleidungsmäßig war er das ziemliche Gegenteil von Rosi. Kein Mensch verstand, was die beiden zusammen hielt, vor allem, wenn Rosi mal wieder mit dicker Lippe und geschwollenem Gesicht auflief.
Mike hatte das vage Gefühl, dass auch er Rosi nicht ganz gleichgültig war. Aber alle weiteren Vorstellungen waren in seiner internen Wertung in der Kategorie „Undenkbar“ eingeordnet. Darunter gab es nur noch die Rubrik „Unmöglich“, in der befanden sich „Ewig leben“, „Sechser im Lotto“, „Zum Jupiter fliegen“ und ähnliche Hirnfürze.
Martin war zwar ein Idiot, aber er ließ Kalli und Mike ab und zu mitfahren, wenn er einen Zuarbeiter brauchte, der ihm Balken und Rigipsplatten unter's Dach schleppte. Der schwarze Innenausbau war ein einträgliches Geschäft. Die Kohle bar auf die Kralle, das war schon was Genaues. Demzufolge war Martin zwar ein Arsch, aber kein Riesenarsch.
An diesem Abend war sogar der bekloppte Schüttel-Müller aus dem Kellerloch mit in die Kneipe gezogen. Der nippte aber nur an einem einzigen Bier und war als Kerl nicht für voll zu nehmen.
Mit einigen anderen Stammgästen trugen sie an diesem Abend erbitterte Kicker-Turniere aus. Mike war nur ein mittelmäßiger Spieler, was ihn an diesem Abend einige Biere kostete.
Und dann passierte es. In einer Spielpause saß Mike am Tisch, schlürfte sein Bier – und bekam plötzlich seinen Moralischen.
„Ach du Scheiße, was ist denn jetzt los?“ dachte er noch und dann brach es aus ihm heraus, diesmal aber richtig. Er fing an zu flennen, völlig ohne Vorwarnung.
Ok, der Abend war lang gewesen, sie hatten schon kurz nach Mittag begonnen, vorzuglühen und dann kein Ende mehr gefunden, jetzt war es kurz nach Mitternacht und er war voll wie ein Eimer, aber muss man deshalb heulen?! Als Rosi sich zu ihm setzte und fragte, was denn los sei, während sie besorgt seinen Kopf in ihre Hände nahm, war es ganz um ihn geschehen. Es sprudelte unter Tränen aus ihm heraus, dass er doch merke, dass mit ihm etwas nicht stimme, dass es nicht mehr normal sei mit der ständigen Sauferei, und dass er nicht mehr dran vorbeisehen könne, dass er das brauche und aus dieser Nummer alleine nie mehr rauskomme. Dass er nur zu feige sei, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, und so weiter und so weiter. Sein ganzes erbärmliches Leben. Mein Gott!
Als er sich irgendwann wieder gefangen hatte, empfand er eine seltsame Mischung aus Scham und Erleichterung. Sich vor seinen Kumpels so zu blamieren, kam einer persönlichen Bankrotterklärung gleich, machte ihn für immer und ewig zum Gespött aller anderen. Er war die personifizierte Null. Er würde Rosi nie mehr unter die Augen treten können, so peinlich war das. Aber gleichzeitig war da auch so ein Gefühl der Befreiung, etwas ausgesprochen zu haben, was er schon lange ahnte, sich aber nie offen zu denken geschweige denn auszusprechen getraut hatte.
Zwar war er hackedicht und schämte sich so sehr, dass er alles stehen ließ, ohne zu bezahlen einfach raus rannte und sich zu Hause einschloss, aber seit diesem Abend wusste er eigentlich, was mit ihm nicht stimmte. Er schlief nicht sofort ein, obwohl er die nötige Bettschwere längst hatte, er war einfach zu aufgewühlt von dem, was mit ihm passiert war.

Erst viele Jahre später wurde ihm klar, was an diesem Abend geschehen war. Ein Dämon aus den tiefsten Löchern seines Ichs, ein guter Dämon, ein Selbsterhaltungsdämon, hatte für einen kurzen Augenblick den Weg nach oben geschafft, war kurz aufgetaucht, hatte flugs ein Samenkorn in die verseuchte Erde gelegt und war sofort wieder abgetaucht. Seitdem hatte sich dieses Körnchen als sehr robust erwiesen und hatte gekeimt. In den nächsten Jahren hatte es nach und nach kleine Triebe entwickelt, sobald das Klima mal zwei Tage trocken genug war. Das kam selten genug vor, aber es passierte schon mal.
Mike prägte erst später einen neuen Begriff für sich in dieser Zeit. In Anlehnung an die Abkürzung U.F.O. für „Unidentified Flying Object“ war er ein U.D.S., ein „Unidentified Drinking Subject“. Wie sich das anfühlt, dafür musste man nur Ten C.C. auflegen, „The anonymous alcoholics“ hören und den Text dabei verstehen. Eine perfekte Symbiose des Innen- und Außenlebens eines U.D.S.

Am nächsten Tag musste er feststellen, dass Martin & Co. von seiner Heuleinlage gar nichts mitgekriegt hatten, die hatten am Kicker gestanden und waren außerdem selbst zu besoffen gewesen, um überhaupt etwas zu peilen. Der Schüttel-Müller war schon längst daheim gewesen und Kalli war ja erst gar nicht mitgekommen. Lediglich Rosi wusste es, und die hatte offensichtlich niemandem etwas davon erzählt.
Ach Rosi!
Mike hatte wohl noch einmal Glück gehabt und nahm sich vor, zukünftig besser auf sich zu achten und beim kleinsten Anzeichen eines bevorstehenden „Moralischen“ früh genug den Heimweg anzutreten.
Er fühlte sich in den nächsten Tage wie hingeschissen. Er konnte nicht richtig denken, Blockaden schwer wie Wackersteine versperrten die Wege durch seine Gehirnwindungen und lösten sich auch nicht auf, sondern sackten nach und nach tiefer und machten sein Herz sehr schwer.
Das Bier schmeckte irgendwie komisch, und auch die Schwedenkräuter der Hausverwalterin lösten das miese Gefühl nicht auf. Die wies ihn eindringlich darauf hin, dass er nur noch zwei Wochen Zeit habe bis zur Räumung.
Es hatte sich trotz hartnäckigen Wartens nichts für Mike ergeben, niemand hatte ihn angesprochen und ihm eine neue Wohnung angeboten. Sollte er sich mit seiner Abwarte-Taktik verzockt haben? Er erinnerte sich an die Situation drei Jahre vorher. Damals hatte er nach dem angekündigten Rausschmiss aus dem Elternhaus das Ganze mit seinem Kumpel Hannes besprochen, und obwohl seine Eltern ihre Drohung wahrscheinlich nie wahr gemacht hätten, hatte Hannes ihm sofort angeboten, erst mal bei ihm unter zu kommen. Für Mike war das damals DIE Gelegenheit gewesen, seinen Eltern endlich zu zeigen, dass er sich nicht drohen lässt. Und er hatte Hannes' Angebot dankbar angenommen.

Er beschloss, auch diesmal eine ähnliche Taktik anzuwenden. Direkt um die Ecke wohnte in einem kleinen, aber feinen Appartement ein anderer Kumpel, Charlie. Ein Lebenskünstler und Frauenheld wie er im Buche steht. Immer gut angezogen, gepflegt, immer Kohle in der Tasche. Dem würde er seine Not schildern und dann abwarten, ob ein Angebot kommt.
Gesagt, getan. Zwei Tage später erklärte Charlie, dass er seinen Kumpel Mike natürlich nicht auf der Straße sitzen lässt, und bot ihm Asyl in seiner Wohnung an. Allerdings betonte er ziemlich auffällig, dass dies wirklich nur eine kurze Übergangslösung sein könne, denn seine Bude sei zu klein, und seinen hochfrequent rotierenden Damenbesuch irritiere es, wenn plötzlich ein fremder Mann in der Wohnung rumlaufe. „Kurze Übergangslösung“ hörte sich zwar irgendwie nach Stress und Arbeit an. Aber Mike erinnerte sich an einen Spruch seiner Mutter, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben fand er einen Spruch seiner Mutter passend. Er würde erstmal zu Charlie ziehen und dann würde man sehen. Irgendwas würde sich schon ergeben.