29 September 2012

Ein fragwürdiger Rücktritt

Kurt Beck kündigt seinen Rücktritt an. Den Zeitpunkt hat er selbst ausgesucht, hat sich von der Opposition trotz aller Vorwürfe nicht zum Rücktritt bewegen lassen. Jetzt ist es die eigene Gesundheit - offiziell.
Das hinterlässt bei mir einen sehr faden Nachgeschmack. Möglicherweise ist es ja wirklich die Gesundheit, auch bei einem Politiker seiner Kategorie ist es möglich, dass er mal die Wahrheit sagt.
Das Festhalten am Millionengrab Nürburgring, auch als längst klar war, dass man dem schlechten Geld Gutes hinterher wirft, kann ein Mann seiner Intelligenz nicht aus Versehen gemacht haben. Das war "Sekt oder Selters", Augen zu und durch und hoffen, dass ein Wunder geschieht. Spätestens da war es um seine Glaubwürdigkeit geschehen.
Persönlich enttäuscht bin ich über die Rolle der Grünen. Was hat man das Wahnsinnsprojekt Nürburgring vor der Wahl kritisiert, völlig zu Recht - und was hat man, als man neben König Kurt mitregieren durfte, die Klappe gehalten und alles durchgewinkt, wie die unselige FDP kürzlich feststellte. Und jetzt, wo Becks Ende nah ist, tönt man wieder, dass man das Projekt immer kritisiert habe. Das ist schäbig.
Fazit: Macht verdirbt die Menschen, von der Kanzlerin bis zum Provinzfürsten. Wahrscheinlich sind solche Gegenbewegungen wie die Grünen damals und die Piraten heute notwendig, um denen den Spiegel vor zu halten, die sich  im Zuge der Machterhaltung zu Profilneurotikern und Lügenbaronen gewandelt haben.

03 September 2012

Kultur am Abend

Vorgestern war es wieder soweit: Die Andernacher Kulturnacht 2012 eröffnete mit vielen Darbietungen verschiedenster Art. Ich freu mich jedes Jahr darauf - und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht.
Es war gleichzeitg Fabi's Abschiedsabend, die uns am Dienstag für 1 Jahr Richtung Neuseeland verlässt. Und es wurde ein gelungener Abend. Wir hatten uns ein Programm zurechtgelegt, in dem wir die gemeinsamen Punkte im Halbstundenrhythmus zu einer Route zusammengelegt hatten. Während Fabi sich zu Beginn am historischern Rathaus mit irischen Tänzen vergnügte, bewunderte ich am Narrenbrunnen die Elevators.
artArtistica - Auf Hochstelzen
durch die Innenstadt


Beim Warmspielen erklangen schon Melodiefetzen von Pink Floyd und den Doors, da musste ich natürlich stehenbleiben. Eine junge (weiße) Frau mit einer ziemlich schwarzen Röhre, ab und an auch ein Sänger mit dem stimmlichen Charisma eines Mark Knopfler, sie boten ein tolles Potpourri durch alle Zeiten. Von den Sixties (Gimmie some lovin) über die Siebziger (Venus) bis in die Neuzeit wurde querbeet gecovert, was sich anbot. Ruckzuck versammelte sich eine Zuschauerschar, 2 Kolleginnen und ich klatschten und sangen mit - und hatten Spass.
Da ich hier überzog (ne halbe Stunde ist ja sooo schnell rum!), blieb für das Jugendorchster nur noch wenig Zeit. Beachtenswert ein Chicago-Potpourri, bei dem die Bläser richtig zur Geltung kamen. Fabi machte sich währenddessen in die SCHÖNE Kunstgalerie - und ward vorerst nicht mehr gesehn. Ok, 10 Minuten warten, Fabi kommt nicht, also weiter zur nächsten Punkt unserer Kultur-Route, zum FaiRegio-Laden, wie immer mit leckeren Gerichten aus aller Welt. Reis mit verschiedenen Beilagen aus Vietnam und aus Antunnacum ;-) Hmmmmh, superlecker. Plötzlich tauchte Fabi auf - in der Galerie die Uhrzeit vergessen -  und ergatterte sich noch ne schnelle Mahlzeit, dann gings schon weiter ins Kunstdorf im Schlossgarten. Zur Musik der Band No.10 schauten wir uns die ausgestellten Objekte in den im Halbrund aufgestellten Pavillons an. Hier war diesmal nicht so viel Interessantes, manches Bild kam einem bekannt vor (aus den letzten Kulturnächten?), wenig innovatives.
artArtistica - Duo Feuertanzshow
Punkt 9 standen wir schon wieder vor dem Läufkreuz, wo die Feuer- artisten bereits wirbelten. Fantastische Bewegungs- abläufe, die sich wohl keiner der Zuschauer jemals zutrauen würde, mit brennenden Fackeln in der Hand, wow!
In der Christuskirche konnte ich dann ne Viertelstunde entschleunigen, das hat gut getan.

Buchinger liest - Skurile Figuren der Literatur
Danach ging ich schon zur Lesung in den Keller der Bücherei, um Fabi und Carola 2 Plätze zu reservieren. Beide Mädels vergnügten sich noch an anderen Darbietungen, schaften es aber, in den ersten 5 Minuten der Lesung aufzutauchen, so dass wir noch viel Zeit hatten, uns über die Darbietungen des Herrn Buchinger zu beömmeln. Eine schöne Auswahl an Textpassagen aus vielen Büchern hatte er sich zum Thema "Skurile Figuren in der Literatur" zusammengestellt, von Wilhelm Busch über Morgenstern bis zu Stanislaw Lem. Ich kann nur sagen "Selten so gelacht!", das war für mich das Highlight des Abends.

CrossRoad - Angela Bucholz und die Geige
Da der gute doch reichlich überzog, eilte ich im Anschluss zum Museum, um wenigstens noch die letzten Stücke von Crossroad mitzukriegen, die im Innenhof Irish Folk und stilgemässe RockPop-Cover spielten. Meine Kollegin Doro hatte angeordnet, dass ich die Band Ihres Cousins unbedingt hören müsste. Toll! Von richtig irisch bis zu Coverversionen von Supertramp und den Moody Blues, die Geige von Angela Buchholz stach besonders hervor. Fabi hatte unterwegs noch Station beim Trashdrumming gemacht und hatte sich dort die restliche Energie aus dem Leib getrommelt. Als sie mich im Hof des Museums fand, hörten wir noch 2 Stücke von Crossraod und besuchten dann unsere geplante Endstation, Kerstin's Bistro aktuell mit dem Jazz-Trio. Draußen wäre eh kein Platz mehr frei gewesen, obwohl es mittlerweile 11 Uhr und sehr frisch geworden war. So verzogen wir uns rein ins Warme, schlürften noch Cappucino und Tee, zu dem uns Opa Aloys einlud, den wir mit der Oma hier trafen.
Kurz nach dem BlueMoon
Als wir dann kurz vor 12 daheim waren, fiel Fabi fast auf die Gästecouch und war wahrscheinlich 3 Minuten später eingeschlafen. Ich war noch zu aufgedreht und braichte noch ne Weile, bis ich in der Kiste lag.

Alles in allem ein wunderbarer Abend. Die KollegInnen vom Kultupunkt haben einen richtig guten Job gemacht. Ich habe auch unterwegs gefühlte 35 Kolleginnen und Kollegen getroffen, was in den vergangenen Jahren nicht der Fall war. Die Kulturnacht wird anscheinend immer mehr von den Andernachern angenommen. Toll! Ich freu mich bereits auf nächstes Jahr.

18 August 2012

Relax and Goodbye

Nach dem Dänemark-Ausflug gönnten wir uns die letzten 2 Tage ganz viel Nichtstun, Lesen, auf der Terrasse gammeln, Nickerchen halten im Liegestuhl und ähnlich angenehme Dinge.
Heute nachmittag nochmal ein letzter Ausflug nach Burgstaaken, den köstlichen Flammkuchen Fehmarn im et cetera
 verbanden wir mit dem Einkauf auf dem Rückweg. Und dann wurde eine kleine Arbeitsschicht eingelegt. Die Bude gesaugt und gewienert, Spülmaschine angeworfen, die erste Maschine Wäsche aufgehangen. Jetzt kommt langsam Abschiedsstimmung auf. Zum Abschluss gibts noch einen guten Espresso (oder 3?) und ne Edel-Knakjes auf der Terrasse. Die Woche hier oben war kurz, aber mir hat sie sehr gut getan.

16 August 2012

København

Heute war Smørrebrød angesagt, d.h. 5 Uhr aufstehn, kurz vor 7 Abfahrt des Reisebusses in Burg, und abends gegen acht wieder zurück.

Grundtvigtskirche von innen
Dazwischen: Ostseefähre, Tunnel und Brücken, und ne total interessante Stadt, die man in dieser Kürze natürlich nicht wirklich erfassen kann.
Wir sind nach der Busführung zu Meerjungfrau, Grundtvigtskirche und Wachwechsel am königlichen Palast (letzteres unter dem Motto: Dinge, die die Welt nicht braucht) zu Fuß durch die Innenstadt gestreift.

Meerjungfrau

Im königlichen Garten
Strøget
Ein Stück die Strøget hoch, runter zum Canal, durch Nebenstraßen der Strøget zum Royal Garden, runter nach Nyhavn, hier und da mal halt gemacht, gesessen, beobachtet, was getrunken, einen Røde Pølser gemümmelt, und ruck zuck waren 3 Stunden vorbei. Die Stadt scheint sehr vielfältig zu sein. Allerdings auch ziemlich teuer. Ein Latte Macchiato an einer besseren Imbissbude für 49 Kronen (6,50 €) ist normal. Wenn man allerdings die Augen aufhält, findet man schnell die Zonen, in denen erträgliche Preise herrschen. Das alles lädt zu weiteren Besuchen ein.

15 August 2012

Jimi-Hendrix-Memorial-Tag


Zum Gedenken an den alten Helden haben wir heut noch länger geschlafen, noch länger gefrühstückt, und noch länger gelesen. Ich denke, besser kann man einen solchen Tag nicht beginnen.
Manni beim Meer
Außerdem sind wir vom Strand zum Denkmal und zurück zum Parkplatz barfuß gelaufen. Ich denke, das hätte er gemocht :-)
Anschließend in der Orther Yachthafen-Außenkombüse ein leckers Mahl und dann zum Hafen nach Burgstaaken. Der traditionelle Besuch im et cetera darf natürlich nicht fehlen.
Jetzt lungern wir auf der Terrasse rum und freuen uns auf morgen.

14 August 2012

Fahrt in den heiligen Hafen

Heute morgen ging es sportlich los: Mit dem Rad nach Burg, Brötchen und Zeitung holen.
Der rasende Brötchenbote von Niendorf :-)

Und nachdem der kleine Erreger vom Sonntag sich fast ganz zurückgezogen hat und weitere Entfernungen von Haus und Klo zulässt, haben wir uns eine Fahrt nach Heiligenhafen gegönnt. Da der letzte Bus um 19:20 zurückfuhr, mussten wir leider auf den von unsere Kollegin empfohlenen Sonnenuntergang in der Relaxliege auf der Seebrücke verzichten. Trotzdem danke für den Tipp, Pedi. Als kleines Dankeschön dieses Erinnerungsfoto:
Leider waren alle Sonnenplätze besetzt.

Wir gönnten uns in einem Fischrestaurant mit Hafenterrasse was Leckeres. Das Ostseegericht 2012 bestand aus mit Cornflakes paniertem Dorsch, Sprossengemüse, und: Nudeln mit Tomatensauce. Und hier, Doro und Gerd, kommt Euer Suchbild:
Auch ohne Kerstin locker hingekriegt.

Abends zurück in Burg kam ich noch in den Genuss der besten heißen Schokolade meines Lebens, die müsst ihr unbedingt mal probieren.
Pernigotti. Am besten Bitterschokolade oder Orange.

Tja, was gibts sonst zu sagen: Kaiserwetter, strahlend blauer Himmel, 20 - 25 Grad, Nick Hornby auch schon fast durchgelesen. Es könnte langsam mal ne Wolke am Himmel auftauchen......

13 August 2012

Kurze Schwächephase

Nachdem ich am Samstag abend bereits erste Anzeichen erkennen konnte, kam gestern die Vollendung: Reißen und Ziehen im Verdauungstrakt, Frösteln bei 28° Celsius, und ganz viel Blei in allen Knochen signalisierten unübersehbar: Mach mal Pause, Alter! So verbrachte ich 2 Nächte und den Tag dazwischen vorwiegend dick eingemummelt im Bett. Heute morgen schmeckte bereits das Frühstück auf der Terese ganz annehmbar. Und heute nachmittag unternahmen wir den ersten Radtrip ins Städtchen, zum Tourist-Info und auf den Marktplatz. Die Tagesfahrt nach Kopenhagen ist gebucht, und am späten nachmittag traute ich mir beim Italiener am Marktplatz Tortellini ala Panna zu.
Zum Glück war die Portion sehr übersichtlich, im Gegensatz zu Marens Spaghetti Carbonara, die zur Not uns beide satt gemacht hätten. Beim Heimradeln wurde mir dann immer bewußter, warum sich Kamillentee bei lädiertem Verdauungstrakt durchgestzt hat und nicht Schinken-Sahne-Sauce.
Wir erreichten das Haus mit Mühe und Not - der Knabe lebt, das Pferd ist tot - halt, verkehrt, ab jetzt gibts Kamillentee und Brot.
Zum Lesen hatte ich genug Zeit, Die Nachhut von Hans Waal kann ich empfehlen, lustig und sehr nachdenklich. Und jetzt bin ich am letzten fehlenden Hornby-Klassiker How to be good. Das Buch mit bisher schlechtesten Kritiken aller Hornby-Bücher liest sich bis jetzt sehr gut. Ich denke ich werde den Buchladen trotzdem noch aufsuchen müssen :-)


11 August 2012

Deutsche Bahn goes Fehmarn

Immer wieder ein Erlebnis, diese lang geplanten und gut vorbereiteten Bahnreisen. Ab Andernach klappt alles bestens, außer meinem eigenen Zeitmanagement. Viertel nach sechs will ich aus dem Haus, um meinen Zug nicht zu verpassen. Also: 5 Uhr aufstehen, Klo, Dusche, Kaffee und ein Blick in die Zeitung. Gefühlte 20 Minuten also, denn ich muss ja noch den Rest packen und 2 Brötchen schmieren. Von wegen. Als ich beim Kaffee auf die Uhr sehe, bleibt mir der fast im Hals stecken: Viertel nach 6. Beim Versuch, Zahnbürste und Duschzeug einzupacken, fällt das Kästchen mit den Wattestäbchen runter, nicht ohne unterwegs den Deckel abzuwerfen und nach 3 mal Anecken alle Q-Tipps ins Waschbecken und auf den Boden zu verteilen. 6:17. Liegen lassen, egal, schnell noch die gebügelten Hemden in den Koffer legen. Wieso geht der jetzt nicht mehr zu? Wieso verheddert sich beim gewaltsamen Schließen der Reißverschluss mit dem Innenfutter? 6:19.Was mach ich jetzt mit dem übriggebliebenen Brötchen? Ob die Vase  mit den beiden Sonnenblumen von Sigrid 1 Woche ohne Pflege überlebt? Sie muss! Raus, Tür zu, alles ins Auto werfen, auf die Tube drücken, 5 Minuten vor Abfahrt stehe ich auf dem Bahngleis und habe das Gefühl, vieles vergessen zu haben. Egal!

Die Mittelrheinbahn bringt mich vorbildlich pünktlich nach Bonn. Dort, am selben Bahnsteig, kommt ne Viertelstunde später der IC der Deutschen Bahn. Platzreservierung in Wagen 10. Wo ist Wagen 10? Nicht zu sehen. Ich steige irgendwo ein. Drinnen weiß man Bescheid. "Das ist ein Ersatzzug. Ab Köln gibt's voraussichtlich den Originalzug. Kommt noch was per Durchsage."

Wir fahren los - und es kommt tatsächlich ne Durchsage: "Liebe Fahrgäste. Die Deutsche Bahn begrüßt sie im Intercity 4711 von Frankfurt über Köln, Wuppertal, Solingen, Hamburg nach Fehmarn-Burg. Dieser Zug ist ein Ersatzzug, er endet in Köln," Und "In Köln wird der richtige Zug für sie bereitgestellt, in dem sie auch ihre reservierten Plätze vorfinden. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen."

In Köln wieder raus, kommt tatsächlich 10 Minuten später ein neuer Zug für uns - und es gibt den Wagen 10, Platz 45. Geschafft! Weitere 15 Minuten später fahren wir los, und von nun an belustigt die Bahn ihre Fahrgäste unentgeltlich im 10-Minuten-Takt. "Liebe Fahrgäste, sie können in diesem Zug ihre reservierten Plätze einnehmen. Wenn sie in Wagen 15, 16 oder 17 reserviert haben, beachten sie bitte, dass es diese Wagen in diesem Zug nicht gibt. Diese Reisenden (die jetzt alle am Zugende in Wagen 14 eingestiegen sind) bitten wir, in Wagen 7 oder 8 (also 6 Wagen weiter) Platz zu nehmen. Dort gibt es noch freie nicht reservierte Plätze." Kohorten von schwer bepackten Reisenden ziehen an mir vorbei - und ich bin glücklich, nicht betroffen zu sein.
Doch dann: "Reisende in Wagen 3, die dort reserviert haben, bitten wir, nach Wagen 4 umzuziehen und dort ihre Plätze einzunehmen. Denn Wagen 4 ist ab sofort Wagen 4(?)!" Und wenig später: "Wir bitten die Reisenden, die in Wagen 4 reserviert und dort Platz genommen haben, nach Wagen 5 umzuziehen und dort ihre Plätze einzunehmen." Und immer wieder: Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Unsere Verspätung von 24 Minuten ist durch den Parktausch(?) in Köln entstanden." und "Wir wünschen ihnen trotzdem eine gute Reise."

Ach es ist doch immer wieder ein Erlebnis!

Eine kleine Fortsetzung gibt es dann noch in Hamburg Hbf. Während des 20-minütigen Aufenthalts empfiehlt die Zugansage den Mitreisenden in Wagen 11 bis 14, ihre Plätze zu wechseln, da diese Wagen in Hamburg abgehangen würden. Man solle sich weiter hinten im Zug ein Plätzchen suchen, also z.B. in Wagen 4 und 3, wo noch vereinzelte Plätze frei seien. Fazit: Wagen 15 bis 17 kamen gar nicht erst, 14 bis 11 bleiben in Hamburg stehen, es wird eng für mich. Nicht räumlich, denn ich habe meinen Sitzplatz und mein Wagen ist auch nicht pickepackevoll. Aber mein Wagen hat die Nummer 10. Wenn also z.B. in Oldenburg die Deutsche Bahn den nächsten spontanen Einfall hat, bin ich fällig. Hoffen wir mal das Beste.

Noch ne Fortsetzung: Ich bin angekommen, alles ist gut. Nach einem entspannten Abendessen auf der Terese mit knackigem Salat, saftigen Steaks, und gutem Espresso war noch ne Zigarre fällig. Die Tiefenentspannung beim Rauchen sollte man mir ansehen ;-)


01 August 2012

Moral und Politik


Der folgende Erfahrungsbericht des Sozialarbeiters Dieter Carstensen hat mich sehr betroffen gemacht. Welchen Zusammenhang sehen Jugendliche heute noch zwischen Moral und Politik? Traurige Antwort: Gar keine!

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Über Moral und Politik


Moral und Politik sind ja zur Zeit das Thema, was unsere Republik bewegt. Wem kann man überhaupt noch glauben? Welche Partei hält sich noch an ihre Wahlversprechen? Wie soll es weiter gehen? Wann bricht der Euro zusammen? Welche Alternativen gibt es? Was ist mit den Arbeitslosen? Welche Zukunft hat die Jugend? Macht das Leben noch einen Sinn? Um diesen komplizierten Themenkreis drehte sich gestern eine Gesprächsrunde mit Schülerinnen und Schülern von drei zwölften Klasse eines Gymnasiums, zu der mich ein mit mir befreundeter Lehrer eingeladen hatte, um das Ganze aus sozialarbeiterischer Sicht ergänzen zu können.
Es war wirklich spannend, zu erfahren was so junge Menschen wirklich denken. 67 junge Schülerinnen und Schüler hatten als Klassenarbeiten das Thema erhalten gehabt "Über Moral und Politik" zu schreiben, die Klassenarbeiten waren nun alle ausgewertet und die Ergebnisse sollten nun gemeinsam besprochen werden. Keine Klassenarbeit war zu meinem Erstaunen mit schlechter als "gut" bewertet worden, mit dem Einverständnis der Schülerinnen und Schüler durfte ich die meisten Arbeiten lesen, um mich auf die Gesprächsrunde vorbereiten zu können.
War harter Tobak, was die jungen Leute da so geschrieben hatten!
Ist natürlich nicht repräsentativ, aber wenn diese Momentaufnahme von 16 bis 17 jährigen GymnasiastInnen die Sicht unserer Jugend zur Politik wieder spiegelt, wird mir ganz anders. In keinem einzigen der von mir gelesenen Aufsätze tauchte auf, dass diese jungen Menschen noch Vertrauen in die Politik haben, es war vom Misstrauen und Betrug die Rede. Die meisten hielten in ihren Aufsätzen ALLE Politiker, egal welcher Partei, für Lügner und Betrüger.
Mich als überzeugtem Demokraten hat das sehr erschüttert, weil unsere Kinder und Jugendlichen unsere Zukunft sind und wenn sie nicht mehr in unsere Demokratie vertrauen, weil sie sich verraten und belogen fühlen, was dann?
Wir haben dann zwei Stunden lang alle gemeinsam über die Aufsätze diskutiert.
Es ging in der Diskussion viel über enttäuschte Hoffnungen, Lug und Betrug, Korruption, Krieg, Arbeitslosigkeit und Zukunftschancen für diese jungen Menschen.
Die meisten wollen gar nicht mehr wählen gehen, da sie darin keinen Sinn mehr sehen, so ergab sich in der Diskussionsrunde, sie haben einfach resigniert und aufgegeben. Ihr Hauptziel ist ihr eigenes, privates Glück, Themen wie Liebe und Partnerschaft standen für sie an erster Stelle und vor allem Moral im positiven Sinne.
Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit waren für diese jungen Menschen, in ihren Aufsätzen und in der Diskussion das wichtigste Thema. "Politiker", so sagten sie mir, wäre unter Jugendlichen heute ein Schimpfwort, wenn man jemand anders in der Klasse ärgern wolle, dann müsse man nur sagen, "Du Politiker" und der Andere würde sofort an die Decke springen, bildlich ausgedrückt. Ich nehme Jugendliche immer ernst, nach zig Jahren Sozialarbeit mit Jugendlichen meine ich zu wissen, dass sie wie Erwachsene zu behandeln sind, nur halt weniger Lebenserfahrung haben, aber sie testen das Leben aus, wollen lernen aus ihren Erfahrungen und ich finde, das ist das Recht der Jugend.
Wenn unsere Jugendlichen sich so verraten und verkauft fühlen, durch unsere Politik, wo soll das denn enden?
EIN Jugendlicher war dabei, dessen Ansichten ich als mehr als rechts einschätzen würde, der Junge wollte am liebsten halb Berlin in die Luft sprengen, drei Jugendliche waren sehr links eingestellt und wollten schon Morgen den Kapitalismus abschaffen, wie, dass wussten sie auch nicht, aber es ihr Ziel, weil sie gegen Hunger, Elend und Ausbeutung sind und die Mehrzahl hat resigniert und will nur noch das private Glück finden.
Ich habe dann in der Diskussion versucht, den Jugendlichen Mut zu machen, sich einzubringen in unserer Demokratie, etwas zu bewegen zu versuchen, aber in meiner Argumentation kam ich mir ihnen gegenüber teilweise wie ein "Alien" vor, wie von einem anderen Planeten stammend. Ich bin jetzt 55 Jahre, aber nie zuvor habe ich mich so alt gefühlt, wie in der Diskussion mit diesen jungen Menschen.
Die junge Sandra, 16 Jahre, hochintelligent und nach meiner Einschätzung eher links denkend, sagte zum Abschluss der Diskussion dann wörtlich:
"Dieter, wir sind jung, aber nicht doof. Die Politiker lügen nur rum, Anstand und Moral kennen die doch nicht mehr, sieht man jeden Tag in der Glotze. Wir haben die Schnauze voll von den Irren."
Was sollte ich darauf noch erwidern? Mir fiel nichts ein, gebe ich zu, Sandra bekam einen Riesenapplaus von allen Mitschülerinnen und Mitschülern für ihre Aussage und auch ich habe ihr Beifall gespendet, will ich nicht verschweigen.
Als ich nachhause kam, habe ich mir die Frage gestellt: "Politik und Moral", passt das überhaupt zusammen?
Ich glaube nicht, ich habe von den Jugendlichen viel lernen dürfen.

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Bisher dachte ich immer, dass ein Großteil der Bevölkerung letztendlich doch den Politikern auf den Leim geht, dieser Bericht hat mich eines besseren belehrt, wenn er auch nicht repräsentativ ist. Aber als exemplarische Momentaufnahme taugt er sicher. Da weiß man gar nicht, ob man sich über die Verlogenheit der Politik ärgern oder über den den klaren Durchblick der Jugendlichen freuen soll.

Den Originalbericht findet Ihr unter anderem hier:

24 Juli 2012

Die Mär vom Rettungsschirm ESM

Diesmal sind es keine nackten Garantien wie beim Vorgänger EFSF, sondern richtig Bares, mit dem der ESM ausgestattet wurde. 700 Milliarden echte Kohle, davon 80 Milliarden Bares, damit müsste man doch strauchelnden Ländern schnell wieder auf die Beine helfen können. Sollte man meinen.
Wenn man jedoch berücksichtigt, dass die Länder, die den Topf füllen müssen, dies über gepumptes Geld machen müssen, weil keiner die Milliarden mal so rumliegen hat, wird man schon nachdenklich.
Wenn man außerdem sieht, dass die hilfsbedürftigen Länder ihr Sozialnetz drastisch beschneiden müssen, um in den Genuss der Rettungskohle zu kommen, dann ist das nicht mehr lustig. Denn hier trifft es die, die ohnehin nix haben.
Dafür kommen dann die notleidenden Banken in den Genuss der Stützung.
Und diese Kredite wird das Land, das ansonsten vor dem Staatsbankrott stünde, wieder zurückzahlen, weil es ihm durch diese weitere Kreditaufnahme schnell wieder besser geht.
Wer das glaubt, der heißt Linus - und glaubt an den Osterbeagle.


10 Juli 2012

Irgend so ein Regen

Die guten alten Zündhölzer finden zur Bestform zurück. Nach 20 Jahren nochmal so ein Album hinzulegen, das ist schon ne Leistung. Im Frühling ein Album mit herbstlichem Ambiente rauszubringen, das können ohnehin nur die Tindersticks. Aber speziell im 3.Song nicht von der Glut des erwachenden Frühlings, nicht von der drückenden Sommerhitze und auch nicht vom wärmenden Holzscheit am Winterkamin zu singen, sondern - vom melancholischen "Fire of Autumn", das kann sonst niemand. Das klingt echt nach wärmendem Herbstfeuer. Aber auch einige der anderen Lieder sind absolut hörenswert. Eine gute Besprechung der Songs von jemand, der mehr von Musik versteht als ich, findet man hier:
Ich kann nur sagen: Schade, dass ich die Veröffentlichung und die Deutschland-Tour im März und somit den Auftritt im Kölner GLORIA verpasst habe, wo ich die Jungs vor einigen Jahren bei der Hungry-Saw-Tournee sehen durfte. So komme ich erst jetzt in den Genuss der Scheibe, kann dafür aber wohl noch im Herbst davon zehren.

28 Juni 2012

Squadra invincibila

AUUUUSS AUUUSSS AUUUSSSSS es ist AUUUUSSSSSS !

Das liest sich so im unbeschreiblichen Blog der 11Freunde (Auszug):

20:03 Uhr
Bild.de kürzt Hummels in der Aufstellung als »Humme« und Khedira mit »Khedi« ab. Klingt freundschaftlich. Find ich toll. Ihr dürft mich »Giese« nennen. Gern auch »alte Säge«.23:23 Uhr

20:10 Uhr
TOOOOOR!!! TOOOOOOOOR FÜR DEUTSCHLAND!!!! TOOOOOR ÖZIL!!! Ach, wenn es doch nur schon so weit wäre. Es ist aber nur: Kollege Gieselmann beim Gute-Nacht-Telefonat mit seinem Sohn (1). Schöne Träume.

20:11 Uhr
Dicke Frauen im Bundestag. Müssen diese Bilder jetzt wirklich sein? Im italienischen Fernsehen werden derweil Gladiatoren gezeigt, die mit bloßen Händen Krokodile erwürgen. Jetzt kriege ich doch Angst. Vor dicken Frauen im Bundestag.

20:12 Uhr
Poldi SPIELT. Hab ich's nicht gesagt? Hab ich's nicht gesagt? Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski! Sehr, sehr positiv. AUUUUUUUU! Der Lukas Podolski!

20:14 Uhr
Azurblauer Himmel morgen über Deutschland. 33 Grad, Rimini-Wetter in Recklinghausen. Und die Tagesthemen moderiert Ingo Zamperoni. Mir wird irgendwie komisch zumute. Angst? Noch nicht.

20:15 Uhr
Die Tagesschau läuft. Ich bin viel zu aufgeregt, um genau hinzuhören, bekomme aber gleich zweimal die Phrase mit: Augen zu und durch! Hm. Ob wir das unterschreiben sollten? Jetzt nicht in Bezug aufs Betreuungsgeld, sondern auf einen deutschen Sieg? Einfach durch irgendwie? Notfalls auch rumpelig? Ich habe ja tatsächlich die Hoffnung auf ein schönes, ein berauschendes, von mir aus sogar ein sensationelles Fußballspiel, auch wenn mir Kloppo Sensationen eigentlich grundsätzlich madig gemacht hat. Andererseits beginnt dieses Spiel mit Reinhold Beckmann, kann also gar nicht mehr sooooo super werden. Ach, was soll’s? Augen zu und durch!

20:18 Uhr
Offenbar spielt Pocahontas, jedenfalls macht sich eine kleine Indianerin mit Stirnband und sibyllinischem Blick dort unten warm. Aus der gegnerischen Hälfte linst ein alter Häuptling lüstern zu ihr herüber, »Chippender Fuß« mit Namen, will sie in sein Wigwam zerren. Stamm gegen Stamm. Das Kriegsball ist ausgegraben. Wer gewinnetout?

20:23 Uhr
»Der Bundestrainer denkt weiter als ich«, kapituliert Mehmet Scholl. Durchaus sympathisch, dass er das so zugeben mag. Aber es entzieht der ganzen Veranstaltung die Grundlage. Scholl und Beckmann: Zwei Druiden, die im Asterix-Themenpark in Hühnerknochen aus Plastik lesen. Und sich gleich die Kostüme ausziehen und in ihren Sharans nach Hause fahren. Entzaubernd.

20:29 Uhr
Man müsste mal bilanzieren, wie es den Spielern so ergangen ist, die das Schicksal ereilt hat, von Sven Kaulbarß porträtiert zu werden. Jetzt der arme Khedira, für den die EM damit gelaufen sein dürfte. Softporno-Stimme, DB-Magazin-Poesie, Chillout-Musik: Das muss ihnen doch schaden. Die Voodoo-Puppe unter den Einspielern.

20:30 Uhr
Löw. Seltsam rot. Hat er sich verjoggt und sich das Nivea-Face angebrannt? Gespenstisch. Dann sagt er: »In dieser Kotze-Phase trinken die Spieler was.« Nachdurst? Jetzt? Ich brech' zusammen.

20:35 Uhr
Es wird kribbeliger. »Schluss jetzt mit dem Gequatsche«, kokettiert Mehmet Scholl. Und normalerweise würden wir ihm ja auch recht geben. Aber heute: Wenn er aufhört zu quatschen, fängt Steffen Simon an. Ehrlich wahr, liebe Fans. Sowas machen die, mit euren Gebühren. Und wer protestiert dagegen? Ich!!! Und wer hört mich? Hallo? Haalllloooooo?

20:36 Uhr
Wenn ich das richtig gesehen habe, ist hier vorm Haus gerade ein Mann mit Federballschlägern auf dem Gepäckträger vorbei geradelt. Irgendwie frei. Irgendwie aber auch affig. Ich stehe vor einem Rätsel: Wie kann jemand so sympathisch und zugleich so unsympathisch sein? Das heißt im Umkehrschluss, dass ich der Mann, der ich bin und der hier gerade für Deutschland fiebert, nicht sein will. Identitätskrise! Das jetzt. JETZT habe ich Angst. German Angst.

20:40 Uhr
Die Hymnen. Kurzes Vorspiel, dann, zack, 1:0 für Italien. Sorry, liebe Fans, aber ist so. Eigentlich sogar 2:0, wegen der Hingabe Luigi Buffons, die Augen geschlossen und einen Mund, der aussieht, als würde er gerade noch mal all die Leibspeisen nachschmecken, die niemand so gut kocht wie seine Mama. 3:0, verdammt.

20:41 Uhr
BRÜHT IM LICHTE DIESES GLÜCKES! JETZT!

20:44 Uhr
Philipp Lahm trägt noch schnell ein selbstgeschriebenes Gedicht aus seinem demnächst erscheinenden Lyrikband (»Der feinste Unterschied«) vor, dann geht es los.

20:45 Uhr
WIR HABEN DIE SEITENWAHL GEWONNEN! DER ERSTE SIEG GEGEN ITALIEN BEI EINEM GROSSEN TURNIER! JAAAAAAAAA! FIPSI, DU BIST EIN MÜNZWURFGOTT!

1.
ANSTOSS! MEINE UMSCHALTTASTE KLEMMT! ABER DAS ENTSPRICHT MEINEM KÖRPERLICHEN UND EMOTIONALEN ZUSTAND! ICH BITTE UM VERSTÄNDNIS!

3.
Erster Schockmoment: Für einen klitzekleinen Augenblick dachte ich, statt Holger Badstuber spiele heute Oliver Pocher in der deutschen Innenverteidigung. Warum müssen die auch alle zum gleichen Friseur rennen?

4.
Brenzlig. Ein hassenswertes Adjektiv, zumal wenn es einen selbst betrifft. Stinkt nach im Aschenbecher vergessener Kippe. Stinkt nach Chance für Italien. Doch Hummels löscht. Wenn ich groß bin, will ich auch Feuerwehrmann werden.

5.
Özil mit Chipball auf, ja auf wen, auf Podolski wohl, eventuell auch auf eine tieffliegende Schwalbe, die ich nicht sehen konnte. Andrea Pirlo jedenfalls dreht sich verächtlich ab.

6.
JAAAAAA! EIN TOR! FAST! Gestocher! Als wäre der italienische Strafraum Ottfried Fischers Mund nach der Brotzeit! Der Ball trudelt in Richtung Kasten, Stunden des Hoffens – dann Pirlo AUF DER LINIE! Der namenlose Torrichter schlottert, zuckt, bricht zusammen, Pirlo klärt, ich schlottere, zucke, breche zusammen. Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

7.
Mann bin ich aufgeregt. Auch bzw. au deswegen, weil ich ja genau davor Schiss hatte: dass der Ball Buffon zwar durch die Beine fliegt, er ihn aber trotzdem mit völliger Gelassenheit noch abfängt und nicht halb so aufgeregt ist wie ich. Dafür bin ich aus genau diesem Grund nicht ein Zehntel so anfällig für Spielsucht.

8.
Kroos bewacht also Pirlo. Das ist edel. Gefällt mir enorm, dass wir einen unserer Besten für diese niedere Arbeit abstellen. Als würde Peter Handke unsere Einträge hier gegenlesen. Mach mal 'n Kaffee, Peter.

10.
Was hat dieses Spiel mit gewissen Erwachsenenfilmen gemeinsam? Das ist mir hinten alles zu offen.

12.
Da, da, da! Genau das gleich, es ist wie in meinen Alpträumen, die ich heute den ganzen Tag hatte. Khedria joggt durch die italienischen Reihen als wäre er eben das, ein Jogger, bleibt deswegen unbehelligt, passt auf Boateng, der senst ihn rein, keiner kommt ran, aber Buffon lässt den Ball wieder los, lässt ihn zu einem Italiener prallen, und von dort kullert er Zentimeter am Pfosten dabei. Es ist das pure italienische Glück, dass es hier noch 0:0 steht und gleichzeitig so absolut typisch.

13.
Wer ist Pirlo? Kroos! Ganz kroos bzw. groß: Karl-Allgöwer-Gedächtnishammer, Buffons Maniküre war für die Katz. Lässt der schönste letzte Mann der Welt sich jetzt resigniert auswechseln?

16.
Bonuskarte im Kommentatoren-Bingo: »Prandelli ist so etwas wie der Jogi Löw Italiens.«

17.
Ich fühle mich gut, sehr gut, ja: Ich habe gerade überhaupt keine Angst mehr. Doch dann sagt Simon: »Es lässt sich gut an, was das junge deutsche Team hier veranstaltet.« Ein Satz wie im Pfadfinderlager am Steinhuder Meer. Kleinkariert, strebsam, demütig – und also doch wieder eine Angst verratend, auf die ich ÜBERHAUPT KEINEN BOCK HABE, STEFFEN! STEFFEN! WIE DER SCHON HEISST! FÄHNLEIN FIESELSTEFFEN! Ach, komm. Geh Holz sammeln.

18.
Erste Chance für Italien, Neuer hält, Gott sei Dank, denn geschossen hatte Montolivo, der mit der deutschen Mutter. Und was ich zusätzlich zu einem italienischen Tor am wenigsten brauchen könnte, wäre eine Lawine von »ausgrechnet«, die über die deutsche Medienlandschaft hereinbricht.

19.
Und noch so'n Weitschuss der Italiener. »Die Weitschüsse sind nicht ohne«, so Simon. Dabei hatte ich doch deutlich gesagt: EINMAL WEITSCHUSS OHNE ALLES, BITTE! Verdammt.

19.
Wir müssen jetzt ganz stark sein. 1:0. Nicht für uns. Cassano flankt, Badstuber macht nichts falsch und doch irgendwie alles, Balotelli steigt hoch, köpft, Neuer macht das X, vergeblich. Ein Satz mit X: Wir müssen jetzt auferstehen wie Phönix.

22.
Jetzt bräuchte es jemanden wie früher in der Kreisligamannschaft, der erst mal auf den Ball tritt und »Ruuuuuuuuuhig« sagt. In einem Ton, als wäre seine Mitspieler Pferde. Und sie senken die Köpfe und tun, was er sagt. Das Spiel beruhigt sich. 1:0? Was ist das schon? Aber es gibt diesen Mann nicht im deutschen Spiel, jedenfalls nicht jetzt. Also sagt Simon: »Es ist noch früh.« Und zum ersten Mal mag ich ihn irgendwie. So weit ist es gekommen.

25.
Boateng. Ideenlos nach vorn. Aber Ideen sind überschätzt, wie ich immer schon geahnt habe, und tatsächlich kommt der geile Zufall ins Spiel, ein Italiener strauchelt, Gomez brustet den Ball rüber zu Özil, der schießt, doch so schlaff, dass Buffon sich hinlegen kann wie eine Greisin des Nachts, die auf dem Nachttisch nach dem Glas für ihre Dritten fingert. Zahnlos.

28.
Uncool: Gomez, der einen Einwurf beinahe direkt einem Italiener in den Lauf köpft und sich damit genau so verhält, wie ich mich fühle.

28.
Und bei euch so?

30.
Von Toni Kroos heißt es ja immer, er habe eine »super Schusstechnik«, einen »echten Hammer«, »eine Waffe« etc. pp. Aber mal ganz ehrlich: Könnte er diese Waffe nicht endlich mal mit scharfer Munition austatten und sie auch mal einsetzen? Jetzt zum Beispiel? Wäre ein guter Zeitpunkt!

31.
Khedira jetzt mit dem Powersprint nach vorn. Sieht aber aus wie einer, der durch eine Italo-Disco rennen will, überall tanzende, flippende, irgendwie aufdringliche Typen. Ausgehen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Ich krieg irgendwie Bock auf 'nen Videoabend.

33.
Chance! Ecke! Ja! Und was noch viel wichtiger ist: Poldi drückt Balotelli auf den Rasen, recht so, Poldi. Das hier muss ein Krieg werden. Zwei, drei, viele Poldis!

35.
Okay, okay, ich habe mir ein super Spiel gewünscht, aber vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt: Ich wünsche mir kein super Spiel für neutrale Zuschauer, die sich dran begeistern können, dass es hier hin und her geht, wie jetzt gerade, sondern ein super deutsches Spiel, in dem es nur Richtung Buffon geht.

36.
2:0. Mehr dazu morgen in der Fachpresse.

36.
Es hilft ja nichts, dann »wollen« wir mal, verdammte Chronistenpflicht. Irgendein – natürlich – gelöffelter Pass, vermutlich von Montolivo, Lahm müsste einen Meter größer sein, ungefähr 1,80, um mit dem Kopf noch dran zu kommen, keine Chance, Balotelli hat drei Jahre Zeit, sich den Ball zurechtzulegen, mit ihm zu sprechen, ihm zu erklären, was er gleich mit ihm vorhat, nämlich ihn GNADENLOS in die Maschen zu hämmern. Neuer sieht einen weißen Kondensstreifen am Himmel über Warschau. Der sich nun verdunkelt. Kann auch sein, dass es mein Gemüt ist. Wann wird's mal wieder richtig Sommer? Scheißfrage, jetzt, im Herbst, wenn die Hoffnungen mit verneinender Gebärde fallen.

38.
Ein weiterer Grund, warum es das jetzt aber gewesen sein sollte mit italienischen Angriffen: Bei jeder Chance gibt meine Frau Geräusche von sich, die ich zuletzt im Kreißsaal von ihr gehört habe. Also Jungs: PRESSEN!!!

41.
Kriegen wir hier eigentlich 0:5 einen auf die Eier? Nein. Denn wir haben offenbar keine.

44.
Es sieht überhaupt nicht danach aus momentan, sogar eher nach dem Gegenteil, aber wenn wir das hier noch drehen, dann werden wir alles, ABER WIRKLICH ALLES AUSNAHMSLOS GROSS SCHREIBEN. UND ES WIRD NICHTS AUSMACHEN, DENN HEUTE IST, WIE UNS EIN LESER AUFKLÄRT: INTERNATIONALER CAPSLOCK DAY! Stimmt wirklich. Bzw. STIMMT WIRKLICH!!!

45.
Simon jetzt mit der Grabrede. Erinnert an längst vergangen Chancen wie an jugendlichen Sturm und Drang, der 90 Jahre zurückliegt. »O Valerio, und ich bin so alt, und die Welt ist so jung!« (Frei nach Büchner)

47.
Geteilte Zeit ist halbe Zeit. Aber was ist mit dem Leid? Jetzt kommen mir die Vize-Titel der Bayern auf einmal vor wie ein schier unerreichbares Glück. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie ausgelacht habe, Herr Hoeneß.

21:40 Uhr
»FUSSBALL-GOTT, MACH’ IRGENDWAS«, betet die »BILD«, die den Capslock Day wahrscheinlich erfunden hat. Könnte nur leider sein, dass der Fußballgott mit der Arbeit schon fertig ist.

21:41 Uhr
Jetzt grinst der Zamperoni schon wie ein Europameister, dieser verdammte Aushilfsitaliener. Sitzt wahrscheinlich schon auf der Vespa und brettert nach den »Tagesthemen« mit meiner Frau über den Brenner. Sie trägt einen Rock, den ich noch nie an ihr gesehen habe. Und ich fahre nach Amrum, setze mich in den Strandkorb und quäle Seesterne.

21:44 Uhr
Zwei Schland-Fans, er viel zu dick, sie viel zu dumm, gehen nach Hause und gucken lieber »Buffy« auf DVD. Ich beneide sie.

21:45 Uhr
Es kommen wohl Klose und Reus zur zweiten Halbzeit, was einleuchtend, sogar wünschenswert wäre, damit zumindest irgendwas passiert. Unklar bleibt jedoch, ob sie tatsächlich kommen, oder ob Beckmann das nur aus der »Körpersprache des Bundestrainers« ableitet, wie er selbst sagt, oder ob es wirklich stimmt. Was waren das für Zeiten, als die ARD immer mit in der Kabine saß. Und Reinhold Beckmann bei »ran«. Und wir hatten zuhause kein Kabelfernsehen. Und Deutschland, verdammt noch mal, war Weltmeister.

21:48 Uhr
Löw müsste zurücktreten, aber das geht jetzt leider nicht. Seine vielleicht letzte Amtshandlung: Reus für Podolski, Klose für Gomez. Und wer für mich? Irgendwelche Freiwillige? Hallo?

46.
Anstoß. Herzlich willkommen im Zeitalter der falschen Hoffnungen.

47.
Kroos jetzt anscheinend über links, für Podolski, und Reus auf rechts, im Halbfeld, im Strafraum, mit Körpertäuschung, dem Schuss und damit, auch wenn Buffon hält, einem kleinen Funken Hoffnung.

49.
ich schreib jetzt bis auf weiteres alles klein. passt ja: chäncechen für lahmi. schüsslein. und simönchen kommentiert das hier auch noch alles durch den niedlichkeitsfilter. es ist demütigend. als würde der underdog einem riesen am bein rumzuppeln mit seinen kleinen milchzähnen, die keinen knochen knacken können. miau.

51.
Irgendwelche »Bravo Sport«-Leser singen jetzt »Superdeutschland olé!«. Ich bestell mir jetzt 'ne Pizza Depressioni. Noch irgendwer?

53.
Die größte Scheiße: Alle – ALLE! – Sätze, die nach diesem Spiel gesagt werden, fangen mit »Im Endeffekt« an. »Im Endeffekt waren die Italiener die stärkere Mannschaft«, »Im Endeffekt ist das Halbfinale ein Riesenerfolg«, »Im Endeffekt haben die Jungs die Zukunft noch vor sich«. Was im Endeffekt in der Natur der Zukunft liegt. Ich hoffe auf meinen baldigen Endeffekt.

55.
Geht noch was? Oder tun die Italiener nur so, als ginge noch was, um uns dann noch mal auszukontern? Hatte Khedira also eben eine Chance, als er im Strafraum alles umdribbelte? Oder war das alles nur Kalkül, weil die Italiener genau wussten, dass er eben auch wieder aus dem Strafraum rausdribbeln würde, weil alles von italienischen Beinen verstellt war? Ich fürchte Letzeres.

56.
Cassano geht vom Feld. Grinst wie ein Taschendieb im Vatikan. Und ich gönne ihm sogar seine Beute. Scheiß EM-Touristen.

57.
Super Deutschland Oléeee! Super Deutschland Oléeee! Klose köpft 22 Meter vorbei, aber: Super Deutschland Oléeee! Super Deutschland Oléeee!

60.
Was bei Simons wackeren Suggestionsversuchen ja leicht in Vergessenheit gerät: Italien ist näher am 3:0 als wir am 2:1. Und ich bin näher an Erich Ribbeck als an Joachim Löw.

62.
Foul an Kroos, Super Freistoß-Position, aber: keine Freistoß-Schützen mehr (wir berichteten mehrfach). Deshalb schießt jetzt Reus, und er schießt nicht schlecht, aber was bringt das schon, er schießt ja auch nicht rein. Und im ARD-Studio sitzt Mehmet Scholl, und wenn er Anstand hat, dann weint er jetzt.

64.
Simon fängt an, seine Karteikarten vorzulesen. In einem EM-Halbfinale. Wenn meine Hoffnungen weiter so vor sich hin siechen müssen, ziehe ich ihnen gleich eine Brechstange über den Kopf.

66.
Liebe Fans, tapfer sein, das wird nichts mehr, nicht gegen Italien. Was ich trotzdem mag: Saltimbocca alla romana, Penne al ragu, pollo alla diavolo, die toskanische Küste, Ossobucco alla milanese, Spaghetti alla Puttanesca, Marchisio, der das 3:0 nicht macht, sondern Zentimeter am Tor vorbeischießt.

68.
Die deutsche Mannschaft brauche jetzt »ein kleines Wunder« und »öfter mal ein bisschen Glück«, meint Simon. Phrasen wie im Musikantenstadl. Ich sag euch mal was, liebe Deutsche: Das Brückerl, das über euer Bacherl geht, es brennt lichterloh.

70.
Wenn ich Müller wäre, würde ich mich jetzt endgültig von Löw scheiden lassen. Der soll es jetzt richten, er, der Raumdeuter, wo es doch längst keine Räume mehr gibt, zumindest nicht in der italienischen Hälfte, die Weiten in der deutschen bewacht nun für Sie: Ihr Libero Bastian Schweinsteiger.

72.
Jetzt patzt auch noch Neuer, verzettelt sich im Dribbling irgendwo in der Fußgängerzone von Warschau. Und die vier Turnier-Siege bislang verblassen langsam, aber sicher wie ein feuchter Traum, wenn der Wecker schrillt.

74.
Richtig witzig würde es ja, wenn das tatsächlich noch in die Verlängerung ginge und Deutschland mit dieser Fatalisten-Aufstellung weitermachen müsste.

76.
Italien drückt. Aufs Tor. Aufs Gemüt.

76.
Seelenschmerzverzerrte Gesichter nun. Hummels schaut drein wie soeben von der Freundin verlassen. Klose wie seine eigene Ur-Oma. Schweinsteiger genauso, wie er heißt. Özil wie immer. Weiß er überhaupt, wie es steht?

78.
Simon jetzt mit dem Paradoxon des Abends: Er will »die Hoffnung nicht aufgeben« und verweist darauf, dass es auf »jeden Fall noch weitergeht. Mit Waldis EM-Club«. DAS IST DOCH DIE RIESENSCHEISSE, MANN!

80.
Kroos. Ballert bis dorthinaus. Und Löw ist an den Lippen abzulesen: »Ach, Toni, des kannsch du doch!« Das klingt nicht nur nach Schwarzwald, das ist der Schwarzwald. Ganz finster.

81.
Erstaunlich: Dass die Italiener auf der rechten Angriffsseite permanent ausrutschen. Noch erstaunlicher: Dass Gegenspieler Philipp Lahm trotzdem nicht an den Ball kommt.

82.
Wenn sie die Italiener schon nicht besiegen können, laden sie sie wenigstens zu einem Tag der offenen Tür ein. Deutsche Ingenieurskunst. Und fasziniert besichtigt di Natale die größten Löcher der Welt.

84.
Scheint jetzt nur noch ein Test für den Linienrichter zu sein. Abseits oder nicht? Oder doch? Simon wacht streng über die Leistung des Fahnenmanns, trägt seine Prüfungsergebnisse vor wie der Vorsitzende eines Kaninchenzüchtervereins. Und irgendwo auf dieser Welt platzt der Kopf von Matthias Sammer.

85.
Der Moment, in dem selbst der frühere Ministrant Steffen Simon einsehen muss, dass das hier nichts mehr wird, nähert sich unaufhaltsam. Und dann Gnade uns Gott vor dem Abgesang, der folgen wird.

87.
Der Moment ist jetzt da. Und wird vermutlich bis gegen 23 Uhr dauern, also 28 Minuten. Ruft bitte nicht mehr an, ich kann nichts mehr hören. Ich gieß mir Wachs in die blutenden Ohren. Hmmm, Wachs!

88.
Löw ist längst nicht mehr Löw. Die ARD hat ihn durch Iris Berben ersetzt. Im Drehbuch steht: wütend aufspringen. Virtuos gespielt. Der Bambi winkt.

89.
Man soll ja nicht alles schlecht reden, und sicherlich werden wir dafür gegeißelt, dass wir es tun, weil wir nicht anders können. Aber: Wäre die deutsche Nationalmannschaft eine Band, sie sollte sich auflösen.

90.
Und dann, nur damit Simon noch ein »es soll einfach nicht sein« loswerden kann, fällt Hummels plötzlich im Strafraum der Ball vor die Füße, aber er schafft es nicht, ihn aus drei Metern im Tor unterzubringen. Er schafft es einfach nicht. einfach nicht. nicht.

91.
Was ist das jetzt für eine unnötige Hänselei des Schicksals? Elfmeter! Für Deutschland! Nach einem Handspiel. Özil schießt. Drin. Mein Puls rast. Und das, obwohl ich längst tot bin. Ein medizinisches Wunder.

93.
Ich sterbe gleich. Und ich verspreche euch: Wenn sie den Ausgleich noch machen, werde ich umgehend den kompletten Ticker löschen und sagen, dass ich immer dran geglaubt habe.

94.
»Neuer ist jetzt der zwölfte Feldspieler«, zählt Simon. Und der Schiedsrichter lässt acht Tage nachspielen.

95.
Aus, aus, der Traum ist aus. Der so genannte.

22:24 Uhr
Adriano Celentano knarzt aus den Boxen. Cassano trägt ein konsterniertes Baby über den Platz. Gomez und Götze sitzen auf der Bank und haben sich nichts zu sagen. Löw versenkt seine Gefühle mit den Händen in der Tasche. Özil liegt auf dem Platz und weiß nicht, ob er sein Stirnband anbehalten soll. »Dann sehen wir uns eben in zwei Jahre wieder«, sagt Simon. Muss nicht sein.

22:46 Uhr
Simon sagt jetzt noch mal, Neuer sei zum Schluss »der zwölfte Feldspieler« gewesen. Scheint was dran zu sein. War das hier etwa gar kein Fußball? Das würde einiges erklären.

22:48 Uhr
»Es geht ja weiter«, so Simon mit dem Trostversuch, der als schlechtester in die Geschichte der Menschheit eingehen wird. »Bei uns mit Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl.« Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Scheißdreck her.

22:50 Uhr
Das hat jetzt allerdings Stil. Scholl stellt Satzfetzen in den Raum , macht immer wieder Pausen. »Woran... liegt es... ... ... dass... ...wir... ... keine... Titel... gewinnen können.« Das ist großes Beckett-Theater! Und weiter geht's im Text:
Beckmann: »Wir finden doch immer einen Weg, um uns einzureden, das wir existieren, nicht wahr, Scholli?«
Scholl: »Ja, ja. Wir sind Zauberer.«

22:53 Uhr
Philipp Lahm jetzt im Interview. Es wäre mir lieber, er würde kein Interview geben. Weil ich jetzt einfach keine Phrasen hören will. Aber er glaubt ja, dass er vorangehen muss, Stellung beziehen, vor allem, »wenn ich merke, dass etwas falsch läuft«. In diesem Sinne: »Jede Niederlage ist bitter«. Danke, Capitinho.

22:55 Uhr
Wir befinden uns offenbar mitten in der Vorbereitung für die WM 2014. Oder 2018. Perspektiven. Entwicklungspotenziale. Nachwuchs. Toll, wer da aufrückt. Und ich freu mich schon tierisch auf das Qualifikationsspiel im November. Permafrost in Minsk. Operation Titel. Wer Handschuhe anzieht, ist kein Mann.

22:57 Uhr
Der Bundestrainer beantwortet die schneidende Frage von Opdendingsbums: »Warum?« Offenes Hemd, offene Worte. »Von daher«, setzt er an. »Von daher.« Dann die Zeitlupe. Löw singt: »Die Flanke darf nicht kommen.« – »In dieser Phase war das sicherlich nicht gut.« – »Klar.« – »Von daher: Klar!« – »Dann wird's schwer.« Er spricht flüssig. Erstaunlich flüssig für einen Mann in seiner Situation. Beschwichtigend, deeskalierend. Verblüffend geringe Enttäuschung. Er scheint wirklich nur in der Zukunft zu existieren, in der Hoffnung, jener Erinnerung an die Zukunft. Im Potenzial. Was die Frage aufwirft: Hätte er sich über den Titel überhaupt gefreut?

23:04 Uhr
Löw abschließend: »In der Kabine fließen absolut die Tränen.« Wenn professionell geweint wird, bleibt kein Auge trocken. Absolut nicht.

23:05 Uhr
Cesare Prandelli im Interview. Er ist so etwas wie der »Jogi Löw von Italien« (wir berichteten). Genauso wie Vicente del Bosque der Jogi Löw von Spanien ist. Und Giovanni Trapattoni der Jogi Löw Irlands. Ach nee, Trapattoni ist der Otto Rehhagel Irlands. Dieser Prandelli jedenfalls beklagt sogar noch einige vergebene »Ballchancen«, was auch für den Dolmetscher gilt. Ansonsten ist er einfach nur ein sehr glücklicher und sehr stolzer Mann. Zu Recht!

23:09 Uhr
Kroos jetzt. Lächelt sphärisch. Wie einer, der seit Wochen nicht mehr gepennt hat. »Wir hatten Möglichkeiten«, murmelt er. Ein Konjunktivspieler, dieser Kroos. Könnte ein Großer sein.

23:13 Uhr
Scholl verzeiht Löw: »Wenn der Bundestrainer seine Entscheidungen begründet, ist doch alles in Ordnung.« Ich verwüste jetzt das Wohnzimmer. Weil ich Bock drauf habe. Dann ist doch alles in Ordnung.

23:15
Schön an Oliver Bierhoff ist ja unter anderem, neben seinem Haar, dass er bei jeder Gelegenheit passend gekleidet ist. Zum Interview erscheint er, als zöge er in Zukunft eine Karriere als Bestatter in Betracht. Nett von Oliver Bierhoff ist unter anderem, neben seiner ganzen Schwiegersohnigkeit, dass er mit derlei Details von seinen nichtssagenden Antworten ablenkt.

23:20 Uhr
Vielleicht war der ganze Tross auch gerade beim Casting für eine Fortsetzung von »Six Feet Under«, in Deutschland auch bekannt unter dem an diesem Abend geradezu programmatischen Titel »Gestorben wird immer«. Gestorben wird vor allem alle zwei Jahre, und heute hat es anscheinend den Kollegen von der ARD erwischt, der die deutschen Fans auf dem Weg aus dem Stadion erschreckt. Ich meine, ich habe ja jetzt auch ein paar Stunden nicht mehr in den Spiegel geschaut, aber ich hoffe, ich sehe trotz Niederlage noch etwas lebendiger aus. Wenn nicht, heuere ich gleich morgen in der nächsten Gehgeisterbahn an.


Die Beziehung zwischen Beckmann und Scholl zerbricht nun vor einem Millionenpublikum. »Reinhold, das ist was ganz was anderes!« Wir blenden uns aus. 1:2 also. Und zwei gegen einen ist immer Mist. Am nächsten Morgen wacht man auf, und alles tut weh. Mag sein, dass wir das hier alles zu finster sehen, liebe Fans. (Herzlich willkommen übrigens im offiziellen 11FREUNDE-Fazit!) Aber man hat uns vier Wochen lang, ja eigentlich sechs Jahre lang mit einer nie dagewesenen PR-Kampagne zu grenzenlosem Optimismus erzogen, und jetzt macht es einfach »Plopp«, und wir sitzen wie kleine Kinder vor diesem riesigen, viel zu bunten Rummel-Ballon und schauen weinend zu, wie die Luft langsam entweicht. FFFFFFFF! Wie Löw immer macht: FFFFFFFF! Wollte er uns das damit sagen? All die Jahre? Dann tut es uns sehr, sehr leid. Absolut leid. Positiv leid. Und wir mach im Chor: FFFFFFF. So ist FFFFFFFußball. Gute Nacht, liebe FFFFFFFans. Möge es wieder Tag werden.

13 Juni 2012

D - NED 2:1

Auszug aus dem köstlichen Liveblog der 11Freunde-Redaktion:


19:58 Uhr
O Gott. Ich habe vor der ZDF-Insel so viel Angst wie ein weiblich aussehender Straftäter vor Alcatraz. Hat Kahn eigentlich lebenslänglich?

20:11 Uhr
Hier ist, ohne Witz, gerade eine Frau in einer orangefarbenen Burka vorbeigelaufen. Lässt das ZDF jetzt Thilo Sarrazin einfliegen?

20:21 Uhr
Es ist ein gespenstischer Kult: Wie konnte ich als Kind, vor 25 Jahren, mit Figürchen spielen, die aussahen wie der heutige Bundestrainer? Bin ich etwa Azteke? O großer Playmobil, ich bete dich an! Nimm das Blut dieser Ziege!

20:32 Uhr
Die KMH sieht, vor dem Meer, in ihrem Astronautenanzug, aus wie Charlton Heston in »Planet der Affen«. Ist Kahn die in den Sand gestürzte Freiheitsstatue?

20:34 Uhr
Kahn tippt »ein ganz klares 2:1«. Und die Rentner auf der Geronto-Insel machen: »Jööööööh!« Was sie halt immer machen, wenn irgendwer was sagt. Warum bloß hat er sie nicht gefragt, ob sie mit ihm untergehen wollen?

20:37 Uhr
Manuel Neuer steht der Schweiß auf der Stirn. Schaut sich leicht angewidert auf die Hände. Sieht aus wie ein Schlachter, der eine halbe Stunde lang die Kuh nicht tot gekriegt hat. Und der könnte er ja tatsächlich auch sein, wenn er nicht so hoch und weit springen würde. Fußball, du soziales Vehikel! Warum hast du mich nicht mitgenommen, als ich den Daumen rausgehalten habe?

20:41 Uhr
Die Hymnen. Stimmung wie in Taizé. Wenn der Fußballgott das noch erlebt hätte!

20:42 Uhr
Klar ist leider jetzt schon: Deutschland ist chancenlos, weil numerisch hoffnungslos überlegen. Schließlich erreichten uns aus Charkiw gerade schockierende Bilder. Dort auf dem Platz tanzten hier, wenige Minuten vor dem Anpfiff gut fünfzig Holländer über den Rasen. Dehnten sich synchron. Löws Jungs aber sind immer noch zu elft. Wie sagt man so schön: Die Zahlen sprechen gegen uns.

20:43 Uhr
Es ist weihevoll, es ist fantastisch, es ist ein Alptraum, ich fühle mich todesnah. Und Rethy labert, labert, labert, labert. So will ich nicht sterben.

1. Minute
Spiel läuft. Und hört sich gleich nach dem Jahreskongress der Unsympathen an: "Nigel de Jong, Van Bommel", sagt Rethy, der diese Veranstaltung natürlich mitorganisiert hat.

3.
"Gomez gegen zwei Mann". Könnte ein Filmtitel aus den 80ern sein. Mit Marius Müller-Westernhagen als Gomez. Und Ottfried Fischer als die zwei Mann. Ist aber nur brotlose Kunst. Hat also nichts mit Ottfried Fischer zu tun.

4.
Foul von de Jong. Im Mittelfeld. So überraschend wie Post von Wagner. In der Bild.

5.
Kein schlechter Start hier. Viel los. Würde mich jetzt über Unterstützung freuen. Aber Kollege Gieselmann kann nicht, macht "in Aufstellungen." Ein Satz wie man ihn sonst nur in Italien hört. Wetten, irgendjemand?

8.
Schüsse. Viele. Van Persie, Özil, wieder van Persie. Namen. Viele. Gefühle. Viele.

10.
Van Persie hat Hummels im Arsch. Kann trotzdem schießen. Respekt.

12.
»Sharp«, schreibt die Bande – scharf. Da ist sie aber noch zurückhaltend. Was muss geschehen, damit sie das Spiel »hot« findet. Und seit wann sprechen Banden zu uns?

13.
Özil hat sich, gleich nach seinem "Huf" (Paul Schockemöhle) über seine weit augerissenen Hans-Rosenthal-Augenpartie gewischt. Schade, sagten diese Augen. Egal, sagen wir, das war Spitze! Ein Lob aus einem Land vor unserer Zeit.

14.
So weit hat Robben es also mit seinem Eigensinn getrieben: Jetzt wollen sie noch nicht mal mehr seine Einwürfe entgegennehmen.

15.
Hup Holland Hup! Ich kann es nicht mehr hören! Nicht hupen – Fahrer träumt vom Sieg für Deutschland!

17.
Van Persie. Vor dem hab ich Angst wie früher vor den französischen Austauschschülern: Die wollten mir auch immer was wegnehmen, Mädchen, Status im Freibad, servile Bewunderer. Wenn er auf dem Platz raucht, verpetze ich ihn.

19.
"Robben, van der Wiel. Robben, van der Wiel", sagt Rethy immer wieder. Was sich ja tatsächlich so anhört, als würde er einen Nachmittag im Sea World Rotterdam kommentieren, oder unaufhörlich den Namen eines niederländischen Minnesänger aus dem 16. Jahrhundert vor sich hinmurmeln. Beides spräche nicht für seine geistige Gesundheit. Aber es ist ja auch heiß dort in Charkiw.

20.
Der Beweis: Löw ist doch kein Gutmensch! Schlägt einem hilflosen Balljungen einfach den Ball aus der Hand, lacht dann auch noch gehässig. Der Generalablass für uns Otto-Normal-Arschlöcher. Hätte er dem Kind jetzt noch einen Popel an die Stirn geschmiert, könnte ich morgen beim Kaiser's eine Oma mit Mettwurst einseifen und niemand würde daran Anstoß nehmen. Wahrscheinlich würde die Oma sogar sagen: "Ja, mei. Der Jogi macht's ja auch." Högschd fragwürdig.

20.
Badstuber gegen Robben, Stirn gegen Hinterkopf. Robben blutet, Badstuber nicht. »Wieso bleibt da jetzt nur einer liegen?«, fragt eine anwesende Gelegenheitszuschauerin. »Hinten tut's mehr weh als vorne«, erkläre ich. Altherrenhaftes »Höhöhöhö« der Kenner im Raume. Achso. Ja. So kann man's auch sehen. Ich mit roter Birne. Das ich das noch erleben darf.


24.
TOR! ICH LIEG MICH WUND!

25.
Gomez, der »Wundlieger« (Fußball-»Experte« Mehmet Scholl), er legt tatsächlich die Holländer wund, er legt meine Augen wund, denn ich kann mich nicht satt sehen! Welch ein Tor! Pass Schweini! Und dann die Drehung! Wie von Rudolf Nurejew! »Und der Rudi«, sagte Beckenbauer, »war ja von einer anderen Fakultät.« Wie auch dieses Tor. Von einer anderen Fakultät auf einem anderen Planeten, den sich ein anderes Gehirn vorstellt als meines. 1:0. Das heißt, wir führen mit acht Toren. Oder?

28.
Sorry, Freunde. Lange nichts mehr von mir gehört. Normal. Ich war eben kurz drüben in Holland, um im Vorgarten von Ronald Koeman meinen Arsch zu entblößen. Schöne Grüße!

29.
Gomez lächelt. Das Lächeln des Schlandes. Das Schland des Lächelns.

31.
Chance vorhin für uns, irgendwie halbgar. Soll ich das überhaupt noch erwähnen? Ich möchte mit euch, liebe Fans, eigentlich nur noch über Kunst reden, Ballett, Malerei, Gomez. Wer hat Lust, ihn mit mir in Stein zu meißeln? Morgen halb elf an der Volkshochschule Clausthal-Zellerfeld.

32.
Alles großartig hier. Schwarzrotgeil und so. Gomez großartig, Löws Intuition großartig, Zwischenstand großartig. Nur, denkt hier auch jemand mal an Miroslav Klose. Der sitzt dort draußen, mit einem lachenden und einem, tatsächlich, weinenden, weil blutunterlaufenen Auge. Und muss nun durch den roten Nebel mit ansehen, wie sich seine ehemalige Stammplatzgarantie Mario Gomez in die Liga der Unverzichtbaren schießt. Und das bei dem Turnier in der Heimat seiner Eltern. Wie wird er reagieren? Klatschen, weil er ja auch das Fairplay in Menschenform ist. Oder weinen, weil er auch das Sensible in Menschengestalt ist. Oder er macht, Übersprungshandlung, einen inneren Salto aus dem Stand. Den traurigsten Salto aller Zeiten.

35.
Chance Badstuber, was Martin Kree mit dem Fuß tat, tut er mit dem Kopf, doch gehalten. Was Erstaunliches zu Tage fördert: Wenn er enttäuscht ist, sieht er aus wie Mertesacker.

38.
TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! DAS TOOOOOOOOOOOR ZUM HIMMEL!

39.
Und schon wieder der David von Michelangelo Löw! Mario Gomez, Statue, Gott, der beste Mensch aller Zeiten, trifft aus spitzem Winkel, Vorlage von Schweinsteiger, der bitte jetzt nicht mehr so heißt, sondern Gottsteiger. Denn nicht vergessen in dieser Stunde: Wir stehen auf den Schultern von Göttern – Netzer, Schuster, Sammer. Lasst uns ihnen diesen Titel bringen. Und Mehmet Scholl muss von der Hölle aus zugucken.

41.
Ich habe es ja gesagt: Die liegen uns, die Holländer. Aber vor allem liegen sie Mario Gomez, bei dem man sehen kann, was Selbstbewusstsein aus einem Stürmer machen kann. Und auch, was ein Stürmer dann, gegen eine Mannschaft, die ihm liegt, aus diesem Selbstbewusstsein machen kann. Ich lege mich aber auch fest: 70 Prozent des zweiten Tores gehören Mehmet Scholl.

43.
Gegen wen spielen wir hier noch mal? Hessen Kassel? Wenn ja: Seit wann werden die von einer Orangensaftfirma gesponsert?

45.
Was macht Robben? Fern ab vom Ball versucht er, mit Philipp Lahm zu schmusen. Der tut so, als kenne er ihn nicht. »Ich gebe keine Autogramme, Sie Arsch.« – »Aber wir duzen uns doch.«

47.
Jetzt Robben doch im Zentrum des Geschehens: Schweinsteiger mit dem Freistoß, »Ich will auch wieder mitmachen!«, schreit Robben, geht in diese Flanke mit dem Schädel, lenkt den Ball aufs Tor, rauft sich den Flaum. Keine Ecke. Bezeichnend. Stattdessen Halbzeit. Und der Schiri versucht, sein Trikot mit Gomez zu tauschen. Verständlich.

21:34 Uhr
Die Nachrichten. Moderiert von Maybrit Illner, die sich als Mario Gomez verkleidet hat. Sie redet ausnahmslos von Gomez. Lieblingsspeise, Lieblingsplatten, Lieblingsfilme. Und ich habe noch nie etwas derart Spannendes gesehen.

21:40 Uhr
Nun die Lottozahlen. Sie lauten. 2 zu 0. Zusatzzahl: 23. Reicht. Ganz Deutschland ist Millionär. Zumindest für heute Abend. Herzlichen Glückwunsch.

21:43 Uhr
Erstaunlich, wie erträglich selbst Rethy wird, wenn man sich ohnehin schon freut. Bin ich jetzt Modefan?

21:45 Uhr
Anruf bei Mehmet Scholl. Freizeichen, dann: »Hier Mehmet Schmoll!« Verwählt.

21:45 Uhr
Und nun muss Kahn auch noch "was zu Mario Gomez sagen", findet Kathrin Müller-Hohenstein. Kahn sagt dann irgendwas über dessen brasilianische Technik. Geht aber alles im Heringsdorfer Jubel unter. Jubelrentner, ist auch mal was Neues. Ein Blick auf die Burberry-Klamotten aber offenbart: Die haben auch alle einen Perser zu Hause. Bodenbelag sponsored by Niebel.

21:46 Uhr
Huntelaar kommt. Der Hunter. Aber wen soll er jagen? Etwa Gomez? Das ist, als wollte ein Wiesel einen Elefanten anfallen.

46.
"Wer soll die Niederländer jetzt noch führen, ich weiß es nicht", fragt sich Kahn im Interview mit sich selbst. Antwort: Erstmal niemand. Deutschland stößt an.

47.
Holland braucht jetzt vor allem einen Leader. Und: Aggressivität. Van Marwijk aber nimmt erstmal van Bommel runter. Holland also jetzt mit umgekehrter Psychologie. Wenn's hilft.

48.
Die Bayern. Wenn ich nur wüsste, wie die Mehrzahl von Phoenix ist. Phoenixe? Phoenen? Egal: aus der Asche! Schweinsteiger – genial wie Wolfgang Amadeus Mozart. Müller – juvenil wie Billy the Kid. Gomez – cool wie Miles Davis. Lahm – zuverlässig wie Tom Buhrow. Der letzte Vergleich war nicht glamourös, schon klar. Aber hey: Was wären wir ohne Tom Buhrow? Eben

50.
Gomez nun dort, wo die Niederländer längst sind. Am Boden. Die Pantomime einer falsch interpretierten Völkerverständigung.

51.
Hummels, Hummels! Taucht jetzt vorn auf, wie auch Spaniens Piqué es immer mit brachialer Verdrängung tut, bloß skalpellartig präzise, schneidet tief ins Fleisch der niederländischen Abwehr. Mats' cut is the deepest.

54.
Wohnwagen zu Hohnwagen!

55.
Rethy hat nun den Fehler im System der Holländer gefunden: "Sie verkörpern zwei Mannschaften in einer. Sechs Spieler kümmern sich um die Defensive, vier um den Aufbau. Und dann ist da noch van der Vaart als Schaltstation." Aha. Heißt also demnach: Holland spielt zu Zwölft aber ohne Sturm. Das Negativ des Fußball Totaal. Unschön. Unschöner nur, dass es Rethy als erstem aufgefallen ist. Ähnlich unschön, als würde man gegen den Klassenstreber bei Cluedo verlieren.

57.
Wie sehr Angela Merkel wohl ihren Boykott bereut? Den schweißnassen Heroen Schweinsteiger abbusseln, noch ein paar perlen am Kostüm mit nach Hause nehmen: Das wäre Ihr Preis gewesen, Kanzlerin! Stattdessen: ZDF-Gucken mit Ramsauer. Das ist die Staatstrauer.

58.
Die Niederländer drücken, deshalb das Spiel jetzt offener, findet Rethy. Eine Analyse wie ein Besuch beim Proktologen. Und jetzt mal kurz husten, Bela!

63.
Mesut wie das Messer durch die Buttermilch. Hmm, Buttermilch. Hmm, Özilch.

64.
Boateng spielt auch mit. Bisher unauffällig, nicht zu sehen. Was das größte Lob für einen Abwehrspieler ist. Kann man bis hierhin auch sagen, hatte seine aufälligste Szene bei der Hymne. Wenn jetzt nicht noch Gina-Lisa Lohfink eingewechselt wird, kann das hier auch sein Spiel werden.

65.
»Continental«, schreibt die Bande nun auf sich selbst. Schon wieder untertrieben: Monumental müsste es heißen.

67.
Deutschland gönne sich eine »Verschnaufpause«, so Rethy nun. Das klingt nach Trimm-Dich-Pfad und Rheumaliga. Ich fordere ein neues Vokabular: Ätherische Phase, Minuten des Innehaltens – sie gedenken, dass sie sterblich sind.

70.
Schürrle, Kroos und Klose laufen sich warm. Das ist, rein namentlich, der SPD-Vorstand der frühen Neunziger. Ohne Scharping.

69.
Rethy ist geradezu ekelhaft überzeugt davon, dass hier nichts mehr passiert. Mit der Führung im Rücken spielt er sich jetzt auf, als hätte er beide Tore erzielt und sei zudem des Hellsehens fähig. Das Erste stimmt in keinem Fall. Das Zweite können wir nicht beurteilen. Sollte er aber tatsächlich in die Zukunft schauen können, sieht es nicht gut aus für uns. Denn dann kennt er all seine noch kommenden Reportagen bereits jetzt. Und wird nie wieder zu sprechen aufhören.

70.
Die erste Jahrhundertchance dieses noch so jungen Turniers. Robben im Strafraum. Macht, was er immer macht. Zieht mit links ab. Aber Boateng, der Jesus der Grätsche wirft sich mit seinem Körper in diesen Schuss, wie er sich zuletzt nur in die Peinlichkeiten des Boulevards geworfen hat. Klärt den Ball mit der Rippe zur Ecke. Bleibt dann liegen. Hält sich die Rippe, aus der ihm der Fußballgott nach dem Spiel eine Frau schnitzen wird. Damit er nie wieder nachts nach Köpenick fahren muss.

72.
Konter. Ich schaue mir das ganz genau an, denn ich werde einige Konterbiere brauchen morgen früh. Und dann geht Gomez, den man hoffentlich sofort in Eselsmilch badet und ihm in Riedlingen eine Pyramide baut.

74.
Tor. Ein gewisser van Persie. Durch Badstubers Badstube. Gut gemacht. Kann kein Holländer sein. Nur noch 2:1. Ein Zwischenergebnis, das so wenig repräsentativ ist wie eine Straßenumfrage in der Fuzo von Marzahn.

75.
Özil gegen irgendeinen Schnözil, vorbei, noch mal vorbei, will schießen, kann nicht, »korrekt vom Ball getrennt«, buchhaltert Rethy. Korrekt! Pah!

76.
Isch gib disch gleisch korrrrekt, Alda: Mesut schlägt zurück. Foult einen Holländer aus seinem Ghetto.

78.
Hektik, Hektik, Hektik. Ich atme wie ein gerade geborener Welpe. Jetzt müsste einer kommen wie so'n 40-jähriger Bauer bei den Alten Herren, der einfach mal sagt: »Ruuuuuuuuuuuuuuhig!« Es kommt Kroos. Kann der überhaupt schon sprechen?

80.
Ja, er spricht. »Gegen wen spielen wir?«, fragt er Schweini. Auch 'ne Art von Coolness.

82.
Es ist das hier nun eine Schlacht. Wütende Angriffe der Niederlande, großes Konfuzius-Theater in der deutschen Abwehr. Aber immerhin: Endlich ist hier wieder die Hitze drin, die man von dieser Paarung erwarten kann. Das war nach dem 2:0 zuvor schon so harmonisch still, dass wir kurz davor standen, uns selbst in die Locken zu roten. Damit wir zumindest irgendetwas spüren, as sich nach Deutschland-Holland anfühlt.

83.
Kuyt kommt, Robben geht, nein, er geht nicht, er rennt, springt über die Bande, seine tödlichen Blicke auf van Marwijk präziser als seine letzten zwanzig Elfmeter.

85.
Wir wollen den Holländern nicht zu nahe treten. sagen deshalb aus einigem journalistischen Abstand: Einige unter ihnen sehen schon aus wie die Jungs, die mit Autoscootern oder anderen Fahrgeschäften durch die Provinz tingeln. Wie die Dänen aus Bang Boom Bang oder die New Kids, nachdem sie sich den Schnauzer und die Vokuhila abrasiert haben. Kuyt nun mit dem nächsten Angriff. Genau: Und dann noch eine Runde über Kopf. Und im Hintergrund dröhnt Snap!

86.
Sneijder, der blasse Brasilianer. Macht jetzt auch mal was. Schuss. Aha. So fühlt sich Angst an. Ganz vergessen. Danke dafür, blasser Brasilianer.

88.
Zeichen, wie integriert Boateng ist: Rethy nennt ihn »Boatenk«. Wir aber nennen ihn »Boah-Ey-Tank«.

89.
Löw ist erschöpft von seinen Kommandos, erfindet Rethy jetzt einen nicht nachzuweisenden Gemütszustand des Bundestrainers. Ersetzt man allerdings "Löw" durch "der Zuschauer" und "seinen Kommandos" durch "meinen Kommentaren", dann ist es eine so kaum zu erwartende Selbstanalyse Rethys. Ersetzt man nun noch Rethy durch Nichts, ist auch niemand mehr erschöpft.

90.
Stekelenburg macht will nicht mehr, kann nicht mehr, gibt Klose einfach den Ball, da, nimm ihn, erlöse mich, aber Klose, der Bescheidene, lehnt ab, es wäre auch affig gewesen: wir wollen die Gomez-Tore in Erinnerung behalten, keine Gummibälle, die holländischen Dauercampern aus dem Wohnwagen kullern. Gut so, Miro, dein Tor wird kommen!

91.
Löw bringt nun Bender. Den Mann, der bekanntlich 17 Kilometer pro Halbzeit laufen kann. Den Marathon-Mann. Spekuliert der Bundestrainer auf Verlängerung?

93.
Pfeif ab, Junge, pfeif ab. Wir wissen, du komponierst den Schlusspfiff noch, er soll was Besonderes sein, aber ein einfaches, scharfes »Piiiiiiep« reicht, wäre das Schönste jetzt, und da ist es, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, »Piiiiiiep«, ich hab Schland lieb.

22:37 Uhr
Deutschland 6 Punkte, Niederlande 0 – dennoch haben die Statistiker einen Witz für uns parat: Unter Voraussetzungen, die in etwa so klingen, als müsste Eddy the Eagle das olympische Schanzenspringen gewinnen, kann Deutschland noch rausfliegen und können die Niederlande weiterkommen. Egal, ihr Nerds. Feuerwerk über Berlin. Auf einer Rakete reitet Cacau vorbei. Winkt. Wäre gern dabei gewesen. Aber jetzt macht er das Beste draus. Feiner Kerl. Guten Flug noch, Cacau. Guten Flug noch, Deutschland.

22:39 Uhr.
Rethy schmeißt den ersten seiner nun folgenden Schluss-Sätze in die Freude nach dem Pfiff: "Deutschland zittert sich hier zum Sieg." In der Hitze von Charkiw ist das ein kühnes Bild. Wobei mich Rethy sofort frösteln lässt. Er kann es immer noch: Mit wenigen Worten die Hölle zufrieren lassen. Wenn jetzt in Usedom die Wellen vereist sind, dann kann Roland Emmerich Rethys Biographie verfilmen, Arbeitstitel: "Blindependance Day".

22:42 Uhr
Gomez im Interview über den Druck vor dem Spiel: »Es waren ein paar Kilo auf den Schultern.« Aber Scholl wiegt doch höchstens 51.

22:43 Uhr
Boateng, der wie immer so zerbrechlich-bockig klingt, wie ein Achtjähriger, der nicht wahrhaben will, dass er für seine zehn Cent keine Mickey Maus kriegt: »Und dann und dann und dann und dann und dann und dann ist das Wichtigste, dass wir gewonnen haben.« Welch ein schüchterner, dünnhäutiger Junge, der sich hier immer wieder für uns mit den Eiern zuerst in die Schüsse wirft. Ich muss weinen. Ganz im Ernst.

22:48 Uhr
Schweinsteiger im Interview, nur noch Haut und Knochen, wischt sich über die Wange, hört nicht, was er sagt, spult ab, sagt dann: »Bitte!« Haben wir überhaupt schon Danke gesagt?

22:50 Uhr
Van Bommel sieht aus wie Boris Spasky, nachdem er von Bobby Fischer besiegt wurde. Dann, in einer Wiederholung, die eigentlich schönste Szene des Spiels: Schweini tröstet ihn, hält ihn minutenlang, lässt ihn gar nicht mehr los. Man müsste es, wiederum, in Stein meißeln.

22:55 Uhr
Kathrin Müller-Hohenstein, die sich in der emotionalen Eiswüste auf Usedom die alte Skisprungexperten-Jacke von Dieter Thoma übergezogen hat, holt jetzt einen von ihr selbst verfassten Almanach (Poesiealbum mit Diddle-Motiv) aus der Tasche und lässt uns wissen. "Jetzt hat die deutsche Nationalmannschaft das zweite Spiel in einem Turnier gewonnen - Das gab es noch nie!" Kahn sagt erstmal lieber nichts. Schweigt. Sagt dann aber noch: "Die Mannschaft hat viele Lehren aus dem letzten Spiel mitgebracht." Stimmt. Bleibt für uns nur festzuhalten: Das ZDF hat aus dem letzten Turnier überhaupt keine Lehren mitgebracht. Nur Leere. Eine Leere in Skisprungjacke.

23:00 Uhr
In Usedom gehen die Lichter aus, in Berlin aber "ist die Party noch lange nicht vorbei" wie uns die ZDF-Fanmeilen-Reporterin wissen lässt. Dort auf dem 17. Juni stand früher mal Anne Will und führte Interviews mit nicht nur von Liebe zugedröhnten Ravern. Ach, damals. Wie die Zeit vergeht. Allerdings wäre es damals, in den DR. Motte Jahren, nahezu ausgeschlossen gewesen, dass eine deutsche Nationalmannschaft die Niederländer aus dem Weg räumt. So aber war es in diesem Heute in Charkiw, dem Gomez-Heute, ein Sieg wie in Stein gemeißelt. Und auch wir machen die Lichter aus und uns auf die Suche nach dem Schland des Lächelns, der Party, die "noch lange nicht vorbei" ist. Vorbei, ein dummes Wort! Aber auch das macht uns nicht. Tanzen wir mit der Dummheit. Vielleicht kommt Anne Will vorbei, bzw. "vorbei". Vorbei auch wir. Gute Nacht!