06 März 2017

Auszug aus dem Haus der Gestrandeten oder "U.D.S."

Irgendwann im November war es so gekommen, wie es kommen musste. Die Hausverwaltung hatte allen Mietern im Haus der Gestrandeten schriftlich mitgeteilt, dass die gemeinsame Zeit bald zu Ende gehen wird. Man hatte sich brav für die gute Zusammenarbeit bedankt – und dann wegen Eigenbedarf gekündigt. Zum Glück blieben noch gut vier Monate, sich um etwas anderes zu kümmern. Die Kündigungsschreiben waren in den nächsten Tagen das beherrschende Thema der abendlichen Treffen in Mike's Bude. Ende März mussten alle raus sein.
Kalli und Elke planten, sich in der Nähe von Kallis Elternhaus nieder zu lassen, denn sein Vater würde sich sicher um eine passende Wohnung kümmern. Der würde seinen jüngsten Sohn nicht hängen lassen. Klar, das würde eine Umstellung für Elke sein, aus ihrem gewohnten Umfeld heraus in die nächste Provinzstadt zu ziehen, wo sie nur eine Freundin kannte, wo man einen anderen Dialekt sprach. Wichtig würde die richtige Entfernung zu Kallis Elternhaus sein. Nah genug dran, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können, weit genug weg, um nicht ständig von den Alten kontrolliert zu werden.
Der lange Piet von oben hatte sich mit seiner Freundin schon ein Appartement drei Häuser weiter gesichert. Der Kellner aus der Nachbarwohnung wollte näher an seine Arbeitsstelle ziehen, einem vornehmen Restaurant in der Altstadt, ebenso wie Öhrchen aus dem Keller, die zukünftig zu Fuß zum Anschaffen im Roten Haus gehen wollte, weil ihr die nächtlichen Heimfahrten mit der Taxe zu teuer geworden waren. Selbst der Schüttel-Müller aus dem anderen Kellerloch hatte nach kurzer Zeit irgendwo einen neuen Mietvertrag erschwindelt.
So hörte Mike nach und nach von den anderen Mitbewohnern, wie schnell die meisten was Neues gefunden hatten. Daher beschloss er, sich keine Sorgen machen zu müssen. Er vertraute darauf, irgendwas würde sich für ihn ergeben, irgendwas ergab sich immer, wenn man nur lange genug wartete.

Ein anderes seltsames Problem hatte sich klammheimlich in Mike's Gedankenwelt eingeschlichen. Er bekam ab und an das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Nicht oft, aber immer mal wieder. Und er wurde dieses Gefühl an solchen Tagen auch nicht mehr los, wenn es denn einmal da war. Da halfen auch Unmengen von Bier nicht drüber hinweg.
Ein paar Wochen später folgte einer dieser Tage. Er war mit einigen anderen aus der Clique am Ende eines feuchtfröhlichen Abends in Tonis Eckkneipe gelandet. Kalli war schon nicht mehr dabei, Elke hatte ihn nicht mehr gehen lassen, nachdem er sich von Mikes Wohnung aus gerade noch in ihr Appartment auf der anderen Seite des Flurs geschleppt hatte. Dass er dann in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit den geöffneten Kleiderschrank mit der Toilette verwechselt hatte, war für Elke Anlass genug, ihn als „vollgesoffene Drecksau“ zu beschimpfen und gleichzeitig die Höchstrafe zu verhängen: Absolutes Ausgehverbot für den Rest des Abends. Tja, Pech gehabt.
Aber Kallis Schwester Rosi war noch mit dabei, die schon seit langem Mikes verstohlene Blicke auf sich zog. Sie war eine gepflegte Frau mit einem schwarzen Kurzhaarschnitt, immer gut gekleidet, aber nie aufgedonnert. Etwas schüchtern wirkte sie, angenehm zurückhaltend. Keine Schönheit aus dem Katalog, aber Mike spürte, dass hinter der verschlossenen Fassade ein übergroßes Herz schlug. Leider war auch ihr Freund Martin mit dabei, ein ziemlicher Honk, der jedoch durch seine ständige Schwarzarbeit immer Kohle hatte. Sein Gesicht wirkte unsauber, er hatte halblange, fettige Haare und einen ungepflegten Schnauzbart, der die gelben schiefen Zähne teilweise verdeckte. Auch kleidungsmäßig war er das ziemliche Gegenteil von Rosi. Kein Mensch verstand, was die beiden zusammen hielt, vor allem, wenn Rosi mal wieder mit dicker Lippe und geschwollenem Gesicht auflief.
Mike hatte das vage Gefühl, dass auch er Rosi nicht ganz gleichgültig war. Aber alle weiteren Vorstellungen waren in seiner internen Wertung in der Kategorie „Undenkbar“ eingeordnet. Darunter gab es nur noch die Rubrik „Unmöglich“, in der befanden sich „Ewig leben“, „Sechser im Lotto“, „Zum Jupiter fliegen“ und ähnliche Hirnfürze.
Martin war zwar ein Idiot, aber er ließ Kalli und Mike ab und zu mitfahren, wenn er einen Zuarbeiter brauchte, der ihm Balken und Rigipsplatten unter's Dach schleppte. Der schwarze Innenausbau war ein einträgliches Geschäft. Die Kohle bar auf die Kralle, das war schon was Genaues. Demzufolge war Martin zwar ein Arsch, aber kein Riesenarsch.
An diesem Abend war sogar der bekloppte Schüttel-Müller aus dem Kellerloch mit in die Kneipe gezogen. Der nippte aber nur an einem einzigen Bier und war als Kerl nicht für voll zu nehmen.
Mit einigen anderen Stammgästen trugen sie an diesem Abend erbitterte Kicker-Turniere aus. Mike war nur ein mittelmäßiger Spieler, was ihn an diesem Abend einige Biere kostete.
Und dann passierte es. In einer Spielpause saß Mike am Tisch, schlürfte sein Bier – und bekam plötzlich seinen Moralischen.
„Ach du Scheiße, was ist denn jetzt los?“ dachte er noch und dann brach es aus ihm heraus, diesmal aber richtig. Er fing an zu flennen, völlig ohne Vorwarnung.
Ok, der Abend war lang gewesen, sie hatten schon kurz nach Mittag begonnen, vorzuglühen und dann kein Ende mehr gefunden, jetzt war es kurz nach Mitternacht und er war voll wie ein Eimer, aber muss man deshalb heulen?! Als Rosi sich zu ihm setzte und fragte, was denn los sei, während sie besorgt seinen Kopf in ihre Hände nahm, war es ganz um ihn geschehen. Es sprudelte unter Tränen aus ihm heraus, dass er doch merke, dass mit ihm etwas nicht stimme, dass es nicht mehr normal sei mit der ständigen Sauferei, und dass er nicht mehr dran vorbeisehen könne, dass er das brauche und aus dieser Nummer alleine nie mehr rauskomme. Dass er nur zu feige sei, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, und so weiter und so weiter. Sein ganzes erbärmliches Leben. Mein Gott!
Als er sich irgendwann wieder gefangen hatte, empfand er eine seltsame Mischung aus Scham und Erleichterung. Sich vor seinen Kumpels so zu blamieren, kam einer persönlichen Bankrotterklärung gleich, machte ihn für immer und ewig zum Gespött aller anderen. Er war die personifizierte Null. Er würde Rosi nie mehr unter die Augen treten können, so peinlich war das. Aber gleichzeitig war da auch so ein Gefühl der Befreiung, etwas ausgesprochen zu haben, was er schon lange ahnte, sich aber nie offen zu denken geschweige denn auszusprechen getraut hatte.
Zwar war er hackedicht und schämte sich so sehr, dass er alles stehen ließ, ohne zu bezahlen einfach raus rannte und sich zu Hause einschloss, aber seit diesem Abend wusste er eigentlich, was mit ihm nicht stimmte. Er schlief nicht sofort ein, obwohl er die nötige Bettschwere längst hatte, er war einfach zu aufgewühlt von dem, was mit ihm passiert war.

Erst viele Jahre später wurde ihm klar, was an diesem Abend geschehen war. Ein Dämon aus den tiefsten Löchern seines Ichs, ein guter Dämon, ein Selbsterhaltungsdämon, hatte für einen kurzen Augenblick den Weg nach oben geschafft, war kurz aufgetaucht, hatte flugs ein Samenkorn in die verseuchte Erde gelegt und war sofort wieder abgetaucht. Seitdem hatte sich dieses Körnchen als sehr robust erwiesen und hatte gekeimt. In den nächsten Jahren hatte es nach und nach kleine Triebe entwickelt, sobald das Klima mal zwei Tage trocken genug war. Das kam selten genug vor, aber es passierte schon mal.
Mike prägte erst später einen neuen Begriff für sich in dieser Zeit. In Anlehnung an die Abkürzung U.F.O. für „Unidentified Flying Object“ war er ein U.D.S., ein „Unidentified Drinking Subject“. Wie sich das anfühlt, dafür musste man nur Ten C.C. auflegen, „The anonymous alcoholics“ hören und den Text dabei verstehen. Eine perfekte Symbiose des Innen- und Außenlebens eines U.D.S.

Am nächsten Tag musste er feststellen, dass Martin & Co. von seiner Heuleinlage gar nichts mitgekriegt hatten, die hatten am Kicker gestanden und waren außerdem selbst zu besoffen gewesen, um überhaupt etwas zu peilen. Der Schüttel-Müller war schon längst daheim gewesen und Kalli war ja erst gar nicht mitgekommen. Lediglich Rosi wusste es, und die hatte offensichtlich niemandem etwas davon erzählt.
Ach Rosi!
Mike hatte wohl noch einmal Glück gehabt und nahm sich vor, zukünftig besser auf sich zu achten und beim kleinsten Anzeichen eines bevorstehenden „Moralischen“ früh genug den Heimweg anzutreten.
Er fühlte sich in den nächsten Tage wie hingeschissen. Er konnte nicht richtig denken, Blockaden schwer wie Wackersteine versperrten die Wege durch seine Gehirnwindungen und lösten sich auch nicht auf, sondern sackten nach und nach tiefer und machten sein Herz sehr schwer.
Das Bier schmeckte irgendwie komisch, und auch die Schwedenkräuter der Hausverwalterin lösten das miese Gefühl nicht auf. Die wies ihn eindringlich darauf hin, dass er nur noch zwei Wochen Zeit habe bis zur Räumung.
Es hatte sich trotz hartnäckigen Wartens nichts für Mike ergeben, niemand hatte ihn angesprochen und ihm eine neue Wohnung angeboten. Sollte er sich mit seiner Abwarte-Taktik verzockt haben? Er erinnerte sich an die Situation drei Jahre vorher. Damals hatte er nach dem angekündigten Rausschmiss aus dem Elternhaus das Ganze mit seinem Kumpel Hannes besprochen, und obwohl seine Eltern ihre Drohung wahrscheinlich nie wahr gemacht hätten, hatte Hannes ihm sofort angeboten, erst mal bei ihm unter zu kommen. Für Mike war das damals DIE Gelegenheit gewesen, seinen Eltern endlich zu zeigen, dass er sich nicht drohen lässt. Und er hatte Hannes' Angebot dankbar angenommen.

Er beschloss, auch diesmal eine ähnliche Taktik anzuwenden. Direkt um die Ecke wohnte in einem kleinen, aber feinen Appartement ein anderer Kumpel, Charlie. Ein Lebenskünstler und Frauenheld wie er im Buche steht. Immer gut angezogen, gepflegt, immer Kohle in der Tasche. Dem würde er seine Not schildern und dann abwarten, ob ein Angebot kommt.
Gesagt, getan. Zwei Tage später erklärte Charlie, dass er seinen Kumpel Mike natürlich nicht auf der Straße sitzen lässt, und bot ihm Asyl in seiner Wohnung an. Allerdings betonte er ziemlich auffällig, dass dies wirklich nur eine kurze Übergangslösung sein könne, denn seine Bude sei zu klein, und seinen hochfrequent rotierenden Damenbesuch irritiere es, wenn plötzlich ein fremder Mann in der Wohnung rumlaufe. „Kurze Übergangslösung“ hörte sich zwar irgendwie nach Stress und Arbeit an. Aber Mike erinnerte sich an einen Spruch seiner Mutter, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und zum wahrscheinlich ersten Mal in seinem Leben fand er einen Spruch seiner Mutter passend. Er würde erstmal zu Charlie ziehen und dann würde man sehen. Irgendwas würde sich schon ergeben.

05 März 2017

Ich sag nur: Recklinghausen!

Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn man sich am Rückreisetag nicht stressen muss, sondern abends vorher bis in die Nacht lesen, schreiben und quatschen kann. Denn es reicht ja völlig aus, um kurz nach elf ausgeschlafen die Schlafcouch zu verlassen, gemütlich zu frühstücken, unter die Dusche zu springen, seine sieben Sachen einfach in den Koffer zu werfen - und dann noch ne halbe Stunde Zeit zu haben, bis der Zug abfährt. Da Maren uns netterweise mit dem Auto zum Bahnhof kutschierte und morgen die Formalitäten der Gästewohnung erledigt, war das alles sehr locker und entspannt.
Die Deutsche Bahn überraschte uns erneut mit einem pünktlichen Zug, lediglich der Wagenstandsanzeiger wies leichte Abweichungen auf. Aber wenn man ausgeschlafen hat, ist ein kleiner Siebzig-Meter-Sprint mit vollem Gepäck locker zu bewältigen. Unsere reservierten Fensterplätze mit Tisch waren tatsächlich frei. Ok, die Sitzbreiten der Vorkriegs-IC sind nicht auf Menschen meiner Statur (und der meiner Nachbarin) ausgelegt, die dazu auch noch Handgepäck mit sich führen. Aber auch auf Tuchfühlung ließ es sich gut aushalten.
Wir mussten in Recklinghausen umsteigen, weil die Direktverbindung zu irgendeiner unchristlichen Zeit für uns nicht in Frage kam. Und hier kam der einzige Pferdefuß an der Geschichte. Der Zugführer wurde nicht müde, uns per Ansage alle fünf Minuten als neue Fahrgäste zu begrüßen. Desweiteren sagte er auch an, dass er aufgrund von ständig wiederkehrenden Fragen der Fahrgäste hier mal allen endgültig erklären müsse, das "EIN BISTROWAGEN IN DIESEM ZUG NICHT VORGESEHEN IST!". Es gibt keinen! Ende, Aus! Und machmal grummelte er auch irgendetwas gänzlich Unverständliches in sein Mikrofon. Das hörte sich an wie finnisch. Über all diese Nettigkeiten war er wohl so erschöpft, dass er zu erwähnen vergaß, dass wir just in diesem Moment in den Bahnhof Recklinghausen einfuhren.

Ich war gerade in einen wohligen Minutenschlaf verfallen, als Isabel mich antippte, weil ihr irgendwas komisch vorkam. Ich öffnete die Augen, sah aus dem Fenster, dass wir langsam an einem Gebäude vorbei fuhren, auf dem in großen Buchstaben "Recklinghausen Hbf" stand.
Hier hab ich's erkannt
Ich rief "Isabel, Recklinghausen!". Ihre Augen sagten mir, dass ich auch "Null-Ouvert" oder "Elfmeter!" hätte rufen können, es hätte den gleichen fragenden Blick ausgelöst. Allein, dass ich aufstand und unsere Sitznachbarn zum Gang hin sofort bereitwillig Platz machten, lösten in ihr den richtigen Reflex aus. Aufstehen - Koffer und Taschen zusammenpacken - raus hier! Der Zug stand schon, als wir vollbepackt zum Ausgang stürmten. Die Ausstiegstür war leider sowohl von einem am Boden liegenden besoff schlafenden Jung-Honk und seinem daneben hockenden Kumpel blockiert als auch von einem Schild "Diese Tür ist defekt", dass beim Einsteigen noch nicht da gewesen war. Irgendwie schafften wir es noch rechtzeitig in den nächsten Wagen, dessen Tür sich zum Glück öffnen ließ. Ich musste nochmal zurück, weil ich meinen Koffer noch im Gepäckständer unseres Wagens hatte stehen lassen. Hauptsache, erstmal die Tür erreichen! Isabel hielt diese dann offen und blockierte mutig die Weiterfahrt, bis ich meinen Koffer aus dem Wagen gezerrt hatte. Das war knapp! Die Deutsche Bahn hat uns wieder einmal gezeigt, dass es einfach keine Reisen ohne Zwischenfälle gibt. Und der Ratschlag "Augen auf im Bahnverkehr!" ist weiterhin zeitlos gut. Man bleibt in Übung.
In Recklinghausen wurden wir dann mit leckeren Snacks im Bahnhofskiosk entschädigt, und auch unserer Dehydrierung konnten wir mit reichlich Getränkevorrat gut vorbeugen. Der Anschlußzug in die Heimat schien nämlich auch gänzlich ohne Bistrowagen auszukommen. Jedenfalls kam bis zum Ausstieg kein mobiler Rollwagen vorbei, wie wir ihn von anderen Bahnfahrten kennen. So wurde am Ende alles gut, wir erreichten den Heimathafen pünktlich und gut erholt.
Dafür, dass ich mir für morgen auch noch Urlaub genommen hab, würde ich mir am liebsten eine Verdienstmedaille verleihen.

Heute morgen erreichte mich die folgende Gegendarstellung, zu deren Veröffentlichung ich mich verpflichtet fühle, wenn ich auch an ihrem Wahrheitsgehalt aufrichtige Zweifel habe:

Hey mein Lieber,
das ist Verleumdung! Ich hab Dich nicht angetippt, weil was nicht stimmt, sondern ich habe Dich angetippt und Dir gesagt, dass wir gleich da sind, woraufhin Du zustimmend genickt hast, um mir eine Minute später mit erschrockenen Augen zu sagen, dass wir gleich da sind!

Wer ist hier verpeilt?

04 März 2017

Der Tag der Helden

Unser letzter Tag begann genau genommen kurz nach Mitternacht, als ich noch an meinem blog rumschrieb. Isabel machte mich irgendwann darauf aufmerksam, dass ich mich jetzt mal ernsthaft meinem Geburtstag widmen soll. Und so kam ich mitten in der Nacht in den Genuss eines ersten wunderbaren Geschenks.
Heute Mittag zum Frühstück erreichten mich bereits viele Geburtstagsgrüße auf verschiedenen Kanälen, und das setzte sich über den ganzen Tag fort. Es berührt mich, wie viele Menschen heute an mich denken, obwohl ich ziemlich feige in den Norden geflohen bin.
Als wir uns dann in Richtung Heldenmarkt in Bewegung setzten, verbanden wir das mit dem für Hamburg-Besuche zwingend vorgeschriebenen Fischbrötchen an den Landungsbrücken. Wieso ich trotz ElPhi und Rickmer Rickmers im Buckel so finster dreinschaue, kann ich mir im Nachhinein gar nicht erklären. Das Krabbenbrötchen schmeckte gut, an dem lag es nicht. Vielleicht wegen der Alaska-Irritationen oder der internationalen Wetterlage, keine Ahnung.
Alaska? Backfisch?? Ägypten???

Von dort ging es per Bus weiter zum Cruise-Center nach Altona.
Unter Helden
Der Heldenmarkt 2017 bot wieder allen Besuchern ein abwechslungsreiches Angebot und mir die Möglichkeit, mit den Menschen von Greenpeace und der GLS-Bank zu fachsimpeln und mit den Kollegen von Shift die Abwicklung eines Smartphone-Upgrades zu besprechen.

Nach einer Stunde waren wir allerdings beide ziemlich geplättet von der permanent hohen Geräuschkulisse, bedingt durch offene Messestände und viele Besucher. Wir machten uns auf den Rückweg mit Bus und Bahn. Im Hamburger Hauptbahnhof wurde Isabel dann von Maren in die nächste Moschee entgeführt, während ich nochmal kurz in der Wohnung auftankte. Denn um halb sechs (oder nur unwesentlich danach) trafen wir uns denn alle nochmal im Café Koppel mit Uli, um dort eine letzte leckere Speisung zu genießen.

Ein wunderbarer Tag zum Abschluss eines wunderbaren Urlaubs neigt sich dem Ende zu. Ich habe sogar gestern Abend freiwillig auf das Spiel meiner blau-weißen Gurkentruppe Lieblingsjungs verzichtet, was nicht unerheblich zum schönen Gelingen des Abends beigetragen hat. Morgen nachmittag geht's gen Süden, und wenn die Deutsche Bahn mitspielt, sind wir sogar abends wieder in heimischen Gefilden.


03 März 2017

Ein zweiter Ausflug in die Vergangenheit

Da gab es ja noch etwas, das auf (Wieder-)Entdeckung wartete: Das Ferienhaus der Großeltern, in dem Isabel als Kind viele Urlaube mit der Familie verbrachte. Es liegt nicht gerade unmittelbar in Hamburg, aber wir konnten dem Reiz nicht widerstehen, das alte Domizil einmal mit heutigen Augen zu betrachten. Damit das Ganze mit öffentlichen Verkehrsmitteln überhaupt Sinn macht, stand ich heute etwas früher auf und saß schon kurz vor zwölf am FrühSpätstückstisch. Ausschlafen kann man daheim!
Von Altona aus sollte uns der Regional-Express(!) der Deutschen Bahn pünktlich nach Itzehoe bringen. Das Deutsche Bahn und PÜNKTLICH 2 Widersprüche in einem Satz sind, brauche ich nicht extra zu erklären. Da wir in Itzehoe planmäßig 8 Minuten Zeit haben sollten, vom Bahnhof aus die Schnellbus-Haltestelle Viktoriastraße zu finden, wurde ich schon etwas unruhig, als mir die Zugbegleiterin zwei Stationen vorher zur Antwort gab, wir hätten derzeit 6 Minuten Verspätung. "Aber das holen wir wieder auf!" fügte sie noch hinzu. Bezogen hat sie das wohl auf den Zielort Westerland (Sylt), geglaubt hab ich es trotzdem nicht. Als wir kurz darauf aus dem Bahnhof Itzehoe stürmten und Einheimische nach der Bushaltestelle fragten, war die Abfahrtszeit des Busses schon zwei Minuten vorbei. Aber zum Glück haben sich die Buslinien mittlerweile an die Deutsche Bahn angepasst und wir erreichten kurz vor knapp noch unseren Schnellbus nach Brunsbüttel, denn der verkehrt nur einmal stündlich. Kurz vor Brunsbüttel bekamen die Ortsnamen seltsame Formen, nach dem Ausstieg in Westerbüttel schauten wir uns um und suchten nach Anzeichen von Zivilisation.
Hier war wieder einmal anschaulich zu betrachten, was es mit den Begriffen "in the middle of nowhere" oder JWD auf sich hat.
Bushaltestelle mit Isabel und Auerhahn
Aber halt, auf der anderen Straßenseite gab es tatsächlich eine weitere überdachte Haltestelle, an der ein Busfahrplan aushing. Mit den darauf verzeichneten Ortsnamen hätte man jedes deutsche Geografie-Quiz gewonnen. Hier sollte 20 Minuten später unser Bus nach Blangenmoor abfahren. Und das tat er auch. Der Fahrer machte uns darauf aufmerksam, dass unser Schleswig-Holstein-Ticket hier nicht mehr gültig ist. Ok, fremde Länder, fremde Sitten. Isabel löste zusätzliche Fahrkarten, schließlich fuhren wir in ihre Kindheit zurück. Und dann, 4 Stationen später, betraten wir den Boden von Blangenmoor. Das Dorf besteht nur aus einem Straßendreieck, und ganz am Ende der Dorfstraße erkannte Isabel dann das Märchenhaus mit dem Reetdach wieder. Der Besitzer hat längst gewechselt, der Opa hatte das Haus schon vor vielen Jahren verkauft. Das ehemals weiße Haus mit grünen Fensterläden sieht heute so aus:
Blangenmoor, Ortsende
Der Pavillon im Garten ist noch der gleiche wie damals. Das Haus ist um einiges kleiner als in Isabels Erinnerung. Wir schlichen ein wenig über die daneben liegende Wiese, es schien niemand zu Hause zu sein. Isabel fielen noch einige Episoden aus ihrer Zeit hier ein.
Wir schlichen uns irgendwann wieder von dannen, den nächsten Bus zurück wollten wir auf keinen Fall verpassen. Beim Gang durch die Seitenstraße zurück zur Hauptstraße stießen wir bereits auf das Ortsende-Schild. Hier ging es nahtlos in den Ort Averlak über. Und dort stehen Wegweiser mit solchen Namen:

Deutsche Namen: Taterphal, Eddelak, Kudensee
Der Bus zurück kam pünktlich. Der freundliche Busfahrer erklärte mir auf Befragen, dass es für uns besser sei, am ZOB in Brunsbüttel umzusteigen anstatt in Westerbüttel, wie auf dem Hinweg. In Westerbüttel (siehe oben: JWD) hätten wir 21 Minuten Zeit zum Umsteigen gehabt. Wir fuhren weiter bis zum ZOB, um dort festzustellen, dass der Bus nach Itzehoe vor 5 Minuten weggefahren war. Wir hatten also fast eine Stunde Zeit. Toll.
Dadurch kamen wir in den Genuss eines langen Gesprächs mit einem sehr freundlichen älteren Herrn, der uns sowohl von seiner Herkunft aus Pommern bis zum Ableben seiner Ehefrau und seiner darauf folgenden Liaison mit einer Witwe aus Oberhausen als auch von einigen Eigenarten der Brunsbütteler Bevölkerung erzählte. Anschließend verbrachten wir die Wartezeit in einer kleinen Raucherkneipe mit Kiosk, der einzigen Möglichkeit, dem kalten Wind nicht ungeschützt ausgeliefert zu sein.

Und nun sitzen wir wieder in der warmen Gästewohnung und freuen uns darüber, einen schönen Tag erlebt zu haben.